20.01.2020 – Ethisches Lernen konkretisiert an Menschen im Hier und Jetzt

Unter dem Namen „Ethisches lernen hier und jetzt“ fand der Abschluss der Einheit Ethisches Lernen statt. Die Referentin Schwester Nadja kam extra mit dem Zug aus Tutzing, um uns durch den Abend zu begleiten.

 

Die Nonne aus dem Land der Rosen

Schwester Nadja kommt ursprünglich aus Bulgarien. Nachdem sie einige Zeit in Coburg einen Deutschkurs besuchte, begann sie ihr Studium der Sozialen Arbeit mit Schwerpunkt Religionspädagogik in Benediktbeuren. Die Benediktinerin befindet sich derzeit in ihrer Profess und möchte diese im Januar erneut verlängern. Laut Schwester Nadja eignet sich das Kloster am besten für Frühaufsteher. Ein typischer Tag beginnt für sie um 5.30 Uhr mit dem Morgenapell, anschließend haben die Schwestern bis 8 Uhr Zeit für das persönliche Gebet. Für Schwester Nadja sind vor allem Termine, Fristen und Pünktlichkeit typisch Deutsch.

Sie ist schon lange mit der Hilfsorganisation Renovabis verbunden. Nach einem Stipendium kehrte sie im Oktober 2019 zu Renovabis zurück und engagiert sich seitdem für die Anliegen des Hilfswerks. Zum Beispiel besucht sie Schulen um die Schüler für Osteuropa zu sensibilisieren.

 

„Renovabis faciem terrae“ (Psalm 104)

Reliforum 3Renovabis ist eines der sechs großen kirchlichen Hilfswerke und ist zugleich das Jüngste. Die Organisation agiert im Zeichen des Heiligen Geistes. Der Name stammt aus Psalm 104: „Du (Gott) wirst das
Antlitz der Erde erneuern“. Der Heilige Geist ist der, der die Menschen und die Kirche erneuert.. So ist es nicht verwunderlich, dass dieses Hilfswerk besonders in der Pfingstzeit aktiv ist. So geht die gesamte Kollekte des Pfingstsonntags an Renovabis. Diese unterstützt mit dem Geld zahlreiche Projekte in Mittel-, Süd- und Osteuropa. Durch ihre Projekte wollen sie Partnerschaft und Dialog fördern. Zu ihren Grundtätigkeiten gehören neben der Hilfe vor Ort speziell das initiieren von Partnerschaften zwischen Gemeinden und Schulen in West- und Osteuropa, die Organisation eines Freiwilligendienstes (ostwärts) für Jugendliche und das Aufzeigen aktueller Themen und Probleme in Schulen. Das Jahr 2020 steht unter dem Motto Frieden und der Fokus liegt dabei auf der Ukraine, die immer noch mit Krieg und dessen Folgen zu kämpfen hat.

 

Die Vielfalt Osteuropas

„Was verbindest du mit Osteuropa?“ – günstig Essen gehen, schlechte Infrastruktur, minimalistische Lebensweise, Schnaps, schwierige Sprachen… diese und zahlreiche weitere Assoziationen weckte Schwester Nadja mit dieser Frage in uns.

Durch einige Bilder sensibilisierte Schwester Nadja uns für die großen Unterschiede in Osteuropa. Moderne Großstädte wie beispielsweise Vilnius stehen in großem Gegensatz zu dem einfachen Leben auf dem Land.

Die Wirtschaft Osteuropas wurde geschwächt durch den Kommunismus. Auf der Suche nach fairen Löhnen verlassen noch heute viele ihre Familie, um sie als Gastarbeiter in Westeuropa zu unterstützen. Ein weiteres Problem ergibt sich mit der Integration verschiedener Volksgruppen, hierbei speziell Sinti und Roma. Diese leben in ihrer eigenen Kultur, in der Schulbildung kaum eine Rolle spielt. Viele Eltern weigern sich ihre Kinder zur Schule zu schicken. Es ist eine große Herausforderung diese dennoch zu integrieren.

Im weiteren Verlauf beschäftigten wir uns anhand gezeigter Kurzfilme mit drei Hilfsprojekten von Renovabis genauer.

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Schulzentrum St. Josef in Sarjevo

Von 1992-1995 fand der Bosnienkrieg statt. Über 100.000 Menschen sind hierbei gestorben. Viele leiden noch heute unter Traumata und die Bevölkerung ist tief gespalten. Renovabis gründete sieben Europaschulen in Bosnien und Herzegowina u.a. in Sarajevo. Unter dem Motto „semper magis“ („immer mehr“) sollen Schüler aller Volksgruppen zusammenleben und lernen. Dies prägt das gesamte Leben der Schüler und baut Vorurteile ab. Die Schule ist somit Zeichen dafür, dass friedliches Leben gemeinsam möglich ist. Deutlich wird dies am Zitat der Schülerin Petra Pravdic: „An meiner Schule ist besonders, dass Kinder und Jugendliche aus kroatischen, serbischen und bosniakischen Familien zusammen lernen. Das ist seit dem Krieg nichtmehr selbstverständlich. Wir machen das anders! Wir haben Respekt voreinander und sprechen darüber was Kultur und Religion für uns bedeutet.“

 

Narko Ne

Narko Ne heißt übersetzt „Droge? Nein Danke!“. Hierbei übernehmen junge Erwachsene freiwillig die Rolle einer älteren Schwester oder eines älteren Bruders für ein Kind aus sozial schwächeren Verhältnissen. Die „Geschwister“ treffen sich einmal die Woche und unternehmen gemeinsam etwas. Die gemeinsame Zeit verbindet sie. Die Jüngeren profitieren von einer Bezugsperson außerhalb ihres gewohnten Umfelds. Marko aus dem Videoclip findet das Angebot klasse: „Es ist einfach besser, wenn man jemanden hat!“ Die Älteren übernehmen Verantwortung und stärken ihre sozialen Kompetenzen.

 

Die Schwestern von Dobrac- Blutrache

Nachdem die beiden ersten Filme über Hilfsprojekte in Bosnien und Herzegowina berichteten, befindet sich Dobrac in Albanien. Kein Staat im ehemaligen Ostblock war über Jahrzehnte länger isoliert als Albanien. Dies führte dazu, dass es noch heute kaum Infrastruktur und keine Sozialhilfen gibt. Besonders problematisch ist die Situation in den Bergregionen im Norden Albaniens. Dort regelt der Kanun, ein mündlich überliefertes Gewohnheitsrecht Kultur, Tradition, Strafmaß und Ehre. Deswegen gibt es bis heute keine Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann und Gewalt bestimmt den Alltag. Zudem sind immer noch Menschen durch die Blutrache bedroht. Fühlt sich jemand in seiner Ehre verletzt besitzt er das Recht denjenigen oder jemand aus seiner Familie umzubringen. Die Familie des Ermordeten besitzt nun das Recht ein Familienmitglied des Täters oder den Täter selbst umzubringen. Renovabis versucht in solchen Angelegenheiten einzugreifen und zu schlichten. Außerdem leiten die Schwestern von Dobrac ein Kinder- und Jugendzentrum, in dem es darum geht, dass die Kinder und Jugendlichen lernen gewaltfrei miteinander umzugehen. Des Weiteren versuchen sie medizinische Hilfe zu leisten und helfen bei der Bekämpfung des Müllproblems.

 

Diskussionsrunde

Nach den Filmen bildeten sich drei Gruppen, in denen über die jeweiligen Themen diskutiert werden konnte. Zentraler Punkt waren Arbeitsaufträge, in denen es darum ging, ob die bisherigen Vorurteile durch die Filme bestätigt wurden und welche ethischen Impulse Renovabis verfolgt. Außerdem sollten die Teilnehmer sich Gedanken darüber machen was die Projekte in ihnen auslösen und wie sie solch eine Thematik im Unterricht umsetzen würden.

Die Ergebnisse wurden durch Post-It‘s an der Tafel zusammengetragen. Die Vorurteile wurden leider größtenteils bestätigt. Deswegen ist die Arbeit von Renovabis in diesen Regionen unerlässlich. Renovabis möchte ein gemeinsames Leben in gegenseitigem Respekt und Achtung fördern. Sie wollen als Brückenbauer zwischen den Menschen verschiedener Kulturen agieren, da vor Gott alle Menschen gleich sind. Bei den Teilnehmern lösten die Filme durchweg Betroffenheit aus. Es entstand die Frage ob und wie ein Angleich der Verhältnisse zum Rest Europas ermöglicht werden kann. Durch den Abend wurden die Probleme Osteuropas greifbarer und nähergebracht. Dies löste bei den Teilnehmern sowohl Verständnis als auch Mitgefühl aus. Die Arbeit von Renovabis ist deshalb sinnvoll und wichtig. Alle waren sich einig, dass solche Thematiken im Religionsunterricht eine Rolle spielen sollten. Renovabis bietet hierfür gute Impulse und anschauliches Infomaterial.

 

Kurzes und prägnantes Schlusswort

Abschließend stellte Herr Seiler fest, dass um ein gewisses Verhalten bei Menschen auszulösen zuvor eine existenzielle Betroffenheit ausgelöst werden muss. Nach dem Modell von Ziebertz fördert Renovabis durch ihre Projekte eine Wertkommunikation. Ihnen geht es bei den Aktionen nicht um Missionierung, sondern sie handeln aus reiner Nächstenliebe. Laut Albert Schweitzer ist „Ethik die ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung alles Lebende zu schützen.“

 

Florian Seifert
Julia Kreuzer
Johannes Gebert

 

Bilderverzeichnis:

https://www.pfarrbriefservice.de/hilfswerke/renovabis

https://www.trucker.de/reportagen/laenderreport-rumaenien-holpriges-vorankommen-2430897

https://www.travelbook.de/ziele/staedte/tipps-staedtetrip-vilnius-litauen-hauptstadt