04.11.2019 – Ethisches Lernen konkretisiert an der biblischen Überlieferung

Am 04.11. trafen sich ca. 25 Studierende, Referendare und Lehrkräfte zum ersten Reliforum des Wintersemesters 2019/2020 in der Heinrich von Buz Realschule in Augsburg. Der Einstieg erfolgte durch Dr. Joachim Sailer, dieser arbeitet im Schulreferat im Bistum Augsburg. Das gemeinsame Durchdenken des Religionsunterrichts wird sicherlich zu einem fruchtbaren Miteinander führen, hierbei war sich Herr Sailer sehr sicher. Das Thema des Abends hieß „Ethisches Lernen an den biblischen Geschichten“. Joachim Sailer meinte, dass das Thema an sich falsch wäre. Eigentlich müsste es umformuliert werden zu: „Ethisch Handeln lernen an den biblischen Geschichten“. Der Mensch sollte so handeln, dass man es vor der Vernunft und dem Glauben verantworten kann.

Im nächsten Schritt wurden nacheinander vier Thesen genannt und dazu positionierten sich alle Teilnehmer. „Bei ethischen Unterrichtsthemen ist es oft nicht einfach, das „unterscheidend“ Christliche deutlich zu markieren“, dies war die erste These. Hier kann beispielsweise die Frage „Handelt ein Christ anders als ein Buddhist?“ dahinter stecken, also wofür man den Religionsunterricht braucht. Die zweite These: „Der Religionsunterricht stellt eine entscheidende Grundlage für die gesellschaftliche und schulische Werteerziehung dar“ zeigte, dass sowohl Familie, Schule als auch der Religionsunterricht Orte der Werteerziehung sein können. Die dritte These: „Die Bibel beinhaltet eine Moraldogmatik, die Imperative entfaltet, an die sich gläubige Christen halten müssen“ war schon deutlich schwieriger zu beantworten. Zu dieser These warf ein Student den Begriff des „Patchwork- Glaubens“ in den Raum. Außerdem war durch das Gespräch im Plenum sicher, dass der katholische Glauben keinen Imperativ geben kann, denn ein Imperativ würde heißen, dass man genau so handeln muss und wenn man dies nicht tut, dann folgt daraus genau eine Folge. Zur letzten These: „Durch die Auseinandersetzung mit christlichen Vorbildern werden Lernende dazu angeregt, christliche Werte und Normen für ihr Leben zu übernehmen“ war Herr Sailer klar der Meinung, dass es beispielsweise sehr schade sei, dass durch den verkürzten Advent der Nikolaus oder der Hl. Martin aus dem Advent herausfällt.

Des Weiteren stellte Herr Sailer in seinem Vortrag auch die Anfragen an den konfessionellen Religionsunterricht dar. Was macht denn nun den Religionsunterricht aus? Im Religionsunterricht geht es um das Existentielle. Hierzu sagte der Sprecher: „Der Halt im Glaube, macht etwas mit der Haltung und führt letztendlich zu Verhalten“. Auf dieses Verhalten wird auch in Mt 7,20 eingegangen, mit den Worten „lebt so, dass man euch danach fragt“. Außerdem werden im Religionsunterricht mehr als Werte vermittelt. Die Lernlandschaft „ethisch Handeln lernen“ kann man nicht nur auf den Religionsunterricht reduzieren. Sie ist die Aufgabe der ganzen Schulfamilie, aber der Religionsunterricht hat hierbei eine ganz spezifische Aufgabe!

Christliche Ethik als Antwortethik war das nächste Thema der Sitzung. Die Quintessenz war: „Du bist Ok, Du bist Antwort Gottes“. Der Mensch muss sich, das was er ist, nicht erarbeiten, denn der Mensch hat seine Existenz von Gott! Man muss also auch nicht schauen, dass man beispielsweise Macht hat. Die Identität bekommt der Christ durch das, was er vor Gott ist. Die Hauptaufgabe des Religionsunterrichts ist die Loslösung aus dem Ich, hin zum Anderen!

Vertieft ging Herr Sailer auf zwei der vier Modelle der ethischen Urteilsbildung ein. Diese stellen möglicherweise zwei unversöhnliche Positionen dar. Bei Position 1, der Wertübertragung, wird der Wert abgeschaut. Wichtig ist, dass man hier nicht stehen bleibt. Es ist ein deduktives Modell, welches von „oben“ kommt. Hierbei wird nichts hinterfragt, sondern einfach gemacht. Ein Beispiel hierfür wären die zehn Gebote. Im Gegenteil zur Position 1 wird bei Position 2, der „Wertkommunikation“, die Perspektive auf den Anderen geöffnet. Hier treffen Aussagen wie „was ich als gut empfinde, muss für alle anderen nachvollziehbar sein“ oder „alles was ihr von anderen erwartet, das erwarte von dir“ den Grundgedanken. Wie unschwer zu erkennen ist, ist bei der „Wertkommunikation“ der Andere entscheidend und man entfernt sich von der Fixierung. Man sollte auch den „Letzten“ im Blick haben und dies funktioniert durch die Kommunikation. Vorbilder sind etwas „Anderes“, dieses „Andere“ motiviert über die eigene Motivation nachzudenken. Die anderen beiden ethischen Modelle der Urteilsbildung, auf welche nicht genauer eingegangen wurde, sind die Wertentwicklung und die Werterhellung.

Nach diesem sowohl praktischen als auch theoretischen Teil, welcher zum Nachdenken anregte, konnten die Teilnehmer zwischen zwei von drei Workshops, welche sie in der nächsten Stunde besuchen möchten, auswählen.

Der erste Workshop befasste sich mit der Goldenen Regel im Matthäusevangelium:

Mt 7, 12: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.

Zu diesem Thema stellte uns Herr Sailer eine mögliche Erschließung in einer Unterrichtsstunde vor. Sailer möchte auch hier wieder besonders den Blick vom Ich zum Anderen lenken. Zu Beginn fängt er an die Erzählung „Immer ehrlich?“ von Herbert Haberhausen zu erzählen, stoppt aber bevor die Figur in der Geschichte ihre Entscheidung trifft und lässt die Schüler in einer anonymen Entscheidung darüber abstimmen, was diese getan hätten. In der zweiten Phase der Unterrichtsstunde führt die Lehrkraft einen Perspektivenwechsel anhand einer Empathieübung durch. Hierbei sind die Schülerinnen und Schüler selbst in die Geschichte involviert, indem sie sich austauschen und ihre Erwartungen festhalten. Die Lehrkraft bringt die Goldene Regel ins Spiel und lässt diese mit der Situation der Figur aus der Geschichte und dem Ergebnis der Abstimmung in Beziehung setzen. Die Geschichte wird nun von der Lehrkraft zu Ende gelesen, hierbei wird zunächst die Meinung der Schüler bestätigt werden. Aber durch das unerwartete Ende der Geschichte wird sie die Meinung über die Hauptfigur ins Wanken bringen. Zur Goldenen Regel gibt es noch sehr viele weitere Anwendungsmöglichkeiten. Beispielsweise könnte man die Geschichte von Haberhausen mit den zehn Geboten in Verbindung bringen und dabei trotzdem den Zuspruch Gottes betonen: „Gott mag mich dennoch!“.

„Die zehn Gebote“ war der Titel eines weiteren Workshops. Dieser war für die 3., 4., 5.Oder 6. Klasse konzipiert. „Wer kennt sie nicht?- Die 10 Gebote.“ Aber wemgelingt es schon diese in der richtigen Reihenfolge anzuordnen, geschweige denn sie auf heutige Situationen unseres Lebens anzuwenden? Vor allem dieses zentrale Thema der Übertragbarkeit stand in diesem Workshop im Vordergrund. In Form einer Stationenarbeit, sollen Schülerinnen und Schüler beispielsweise durch aktuelle Fotos die Relevanz der zehn Gebote für die heutige Zeit verstehen. Bei einer anderen Station sollten die zehn Gebote in eigener Sprache formuliert werden und dann sollte darüber reflektiert werden, ob es denn noch andere wichtige Regeln gibt, die von den Kindern als ein Gebot festgelegt werden könnten. Das Ziel dieser Station ist es, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit der Bedeutung der zehn Gebote auseinandersetzen, diese wirklich verstehen und dass sie begreifen, dass diese wichtigen Regeln auch heute noch das Miteinander der Menschen prägen. Am Schluss dieses Workshops betonte der Leiter, dass die Gebote Lebensweisungen sind. Sie sind dazu da, dass die Menschen die Freiheit, die sie von Gott bekommen haben, auch weiterhin haben!

Der dritte und letzte Workshop handelte vom „barmherzigen Samariter“. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, diese Worte bringt fast jeder gläubige Christ mit der goldenen Regel in Verbindung. Aber wer ist eigentlich mein Nächster? Auf diese zentrale Frage galt es in dem für 3. und 4. Klasse der Grundschule konzipierten Workshop Antworten zu finden. Mithilfe der biblischen Geschichte des barmherzigen Samariters überlegten wir Studierende, zusammen mit der Lehrkraft, wie es gelingen kann, auf den ersten Blick veraltete Geschichten, für die Gegenwart der Schülerinnen und Schüler neu fruchtbar zu machen und diese anhand von Alltagserfahrungen der Kinder zu behandeln. Ausgehend von einem großen roten Herz sollen die Grundschüler/-innen zunächst überlegen, welche Menschen für sie „ein Nächster“ sein können. Diese ersten Überlegungen werden durch das Behandeln der biblischen Geschichte gefestigt und erweitert, indem die Schülerinnen und Schüler lernen sich in andere Personen hineinzuversetzen und somit einen Perspektivenwechsel begehen. Durch das Klären unbekannter und für die Kinder veralteter Begriffe, wird die Geschichte immer mehr zu einer, für die Schülerinnen und Schüler, relevanten Erzählung, die sie selbst betrifft und ihren Alltag anspricht. Zum Schluss der Stunde sollen die gewonnenen Erfahrungen, wie man gegenüber dem „Nächsten“ handelt, auf Händen aus Pappe festgehalten werden. Die einzelnen Hände der Kinder werden auf ein Plakat geklebt, wodurch eine schöne, gemeinsame Erinnerung an dieses wichtige Thema der Nächstenliebe geschaffen wird. Auch das Lied: „Liebe Gott und deinen Nächsten“ kann gut als Abschluss für die Stunde verwendet werden.

Gegen 19.40 Uhr trafen sich wieder alle Teilnehmer zum Abschluss bei Herrn Sailer. Hier betonte er, dass man davon ausgeht, dass jeder seine eigenen Werte hat. Die dazugehörige Wertentwicklung beschreibt Kohlberg in einem Modell, welches sechs Stufen umfasst. 4

Wie wurden in den Workshops die zuvor besprochenen Modelle der ethischen Urteilsbildung realisiert? Es gab bei allen drei Themen Mischformen und dies wird es auch immer geben, aber wenn man genauer hinschaut, kann man manchmal durchaus ein herausstechendes Modell erkennen. Wichtig ist es bei all diesen Modellen die Praxis nicht aus den Augen zu verlieren!

Gibt es also eine Modellethik? Worin besteht das Besondere bzw. das Spezifische, woran man ethisches Handeln in den Blick nehmen kann? Hier stellte Herr Sailer fest, dass man aus einem Zuspruch lebt und dieser Zuspruch das Handeln ermöglicht!

Beckel Bianca
Hesse Rebecca
Milbrath Lucia