03.06.2019 – Alttestamentliche Figuren gegenwärtig in den Erzelternerzählungen

Die Eröffnung des diesjährigen ReliForums findet am 03.06.2019 in der Realschule Heinrich-von-Buz in Augsburg statt. Herr Dr. Sailer eröffnet die Veranstaltung mit der Frage, was die Studierenden unter dem Begriff Erzeltern verstehen. Eine Studentin entgegnet, dass es sich hierbei um die „ersten Eltern“ handeln könnte. Herr Dr. Sailer erklärt, dass Erzelternerzählungen (früher war nur die Rede von Vätergeschichten) die gesammelten Erzählungen der Stammväter und Stammmütter der Israeliten im 1. Buch Mose umfassen. Nach der Begrüßung und der thematischen Hinführung werden den teilnehmenden Studentinnen und Studenten drei verschiedene Workshops vorgestellt. Dabei wird ein Workshop für die Grundschule, einer für die Grund- und Mittelschule und einer für die Realschule angeboten. Die Studierenden haben die Möglichkeit, an zwei von drei Kursen teilzunehmen.

Der erste Arbeitskreis thematisiert Jakob im Religionsunterricht in der Grundschule. Die Referentin, die selbst in einer Grundschule praktiziert, lässt zu Beginn einen Stuhlkreis bilden und präsentiert den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Puppe. Diese steht auf einem braunen Tuch in der Kreismitte und soll Jakob verkörpern. Die Lehrkraft richtet sich mit der Frage „Vor was könnte Jakob weglaufen?“ an die Studentinnen und Studenten. Nachdem einige Antworten gesammelt werden, liest die Lehrkraft die Geschichte Jakobs vor (vgl. fragen-suchen-entdecken 3: Religion in der Grundschule, S. 18). In dieser wird die Auseinandersetzung Jakobs mit seinem Bruder thematisiert. Der Bruder Esau wird durch eine List Jakobs um sein Erstgeborenenrecht betrogen. Die Puppe wird von Freiwilligen mit Hilfe eines Steins in eine „Schlafpose“ gelegt. Nun werden leere Karten in Form von „Denkblasen“ ausgeteilt und die Teilnehmer werden aufgefordert, mögliche Gedanken Jakobs aufzuschreiben. Diese Denkblasen sind grau und stehen stellvertretend für den Stein, auf dem sich Jakob schlafen legt. Die Ausarbeitungen werden im Anschluss kurz vorgestellt, in dem sich die jeweilige Person auf einen laminierten Fußabdruck in Form eines DINA4-Blattes stellt. Hier wird noch zusätzlich erwähnt, dass Kinder, die ihre Gedankengänge nicht vorstellen wollen, auf keinen Fall gezwungen werden sollten.

Danach liest die Lehrkraft die Geschichte zu Ende und teilt Kopien der Geschichte aus einem aktuellen Schulbuch und leere DINA4 Blätter aus. Mit Hilfe der Arbeitsaufträge auf dem Arbeitsblatt werden die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, eine Himmelsleiter mit wichtigen Zitaten Gottes zu gestalten. Am Ende dieser Leiter wird dann die Denkblase bzw. der Stein aufgeklebt. Die Ergebnisse werden im Einzelnen im Sitzkreis vorgestellt.

Insgesamt wird in dieser Religionsstunde, laut der Referentin, vor allem auf die prozessbezogenen Gestaltungsfähigkeiten der Kinder große Aufmerksamkeit gelegt, da Schülerinnen und Schüler besonders im Alter der dritten bzw. vierten Klasse hier die Möglichkeit haben, sich selbst zu finden und gestalterisch tätig zu werden.

Darüber hinaus möchte die Geschichte die Leser und Leserinnen anregen, über sich selbst und Gott nachzudenken. Wichtig ist hier, den Kindern deutlich zu machen, dass trotz Fehler, die im Leben passieren, Gott sich niemals von einem abwendet.

Besonders gut gefällt uns, dass die Lehrkraft den Teilnehmerinnen und Teilnehmern immer wieder die Möglichkeit eröffnet, die Puppe „Jakob“ der Geschichte entsprechend neu zu positionieren. Die nachfolgende Abbildung zeigt eine mögliche Bearbeitung des Arbeitsauftrages aus dem Buch fragen-suchen-entdecken 3, Religion in der Grundschule auf S.18.

Reliforum - Bild 1

Hierbei ist auf ein Zitat des ReliForums Augsburg zu verweisen (siehe Flyer Reliforum Augsburg Sommersemester): „Im Alten Testament begegnen wir vielen Menschen, die mit ihrem Leben den Glauben an Gott offenbaren. Sie hören das Wort Gottes und handeln in seinem Sinne. Aber sie sind auch in sich selbst gefangen, geraten in Versuchungen und werden schuldig. […] Es sind Figuren des Glaubens. Durch sie wird gezeigt, was eigentlich jeden Menschen in seinem Leben angeht. Sie regen auch heute an, über uns selbst nachzudenken und motivieren zum eignen Erkennen und Handeln.“

Im zweiten Workshop hat sich Herr Dr. Joachim Sailer die Erprobung Abrahams (Gen 22,1-14) ausgesucht. Eine nicht ganz leichte Geschichte, das ist uns allen wohl bewusst. Herr Dr. Sailer nennt diese Bibelstelle zwar auch in seiner Eröffnung eine „Zumutunsgeschichte“, widerspricht aber dem Passauer Religionspädagogen Hans Mendl, der die Erzählung als Väter- und Müttergeschichte bezeichnet und fordert, die Geschichte ganz aus dem Lehrplan zu streichen.

Nach dieser kurzen Einführung bekommen alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen den Bibelauszug ausgeteilt und dürfen diesen erstmal lesen. Anschließend wird immer zu zweit erarbeitet, was denn beim Lesen aufgefallen ist und was den Schülerinnen und Schülern Probleme bereiten könnte. Als Hilfsmittel stellt Herr Dr. Sailer das „Fünf-Finger-Bibellesen“ vor, eine kleine, aber sehr hilfreiche Methode, um dem Text und der Auswertung etwas mehr Struktur zu geben. Jeder Finger bekommt eine spezielle Frage zugeordnet, diese kann für den jeweiligen Text immer etwas angepasst werden. Bei Klassen mit schwachem Textverständnis kann es sogar sinnvoll sein, ein Arbeitsblatt zu erstellen, auf dem die Schülerinnen und Schüler sich zu den Fingern und den damit verbundenen Fragen vor der Partnerarbeit Notizen machen können.

Eine mögliche Variante könnte sein:

  • Daumen: Was gefällt dir in und an diesem Text?
  • Zeigefinger: Worauf macht dich der Text aufmerksam?
  • Mittelfinger: Was gefällt dir nicht in dem Text?
  • Ringfinger: Worin siehst du eine Zusage Gottes?
  • Kleiner Finger: Was kommt in diesem Text zu kurz?

Reliforum - Bild 2

Nach der Gruppenarbeit sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eher skeptisch, dass dieser Text, der von Verlust und Opfern handelt, tatsächlich für die 5 Jahrgansstufe geeignet ist.

Herr Dr. Sailer erwidert, dass die Verortung der Sage in der 5. Klasse in seinen Augen durchaus sinnvoll ist, denn es bestehe ein Lebensweltbezug für die Schülerinnen und Schüler. Viele Kinder haben bereits in diesen jungen Jahren Verluste erlitten, seien es (Groß)-eltern, Tiere, oder auch Freunde, welche durch den Übertritt von der Grundschule in das  völlig neue unbekannte Umfeld der weiterführenden Schule verloren gingen. Er erklärt, dass es sich um eine Sage handelt und keine Erzählung, also bedarf es natürlich der Interpretation und Deutung.

Als mögliche Unterrichtsgestaltung wäre hier ein Bildervergleich von Wiener Genesis von Thomas Zacharias (vgl. Religion verstehen 5, 19; 25) möglich. Anhand dieses Vergleiches sollen die Schülerinnen und Schüler den Charakter von Abraham und den Zwiespalt zwischen Vatergefühlen und Gottesgehorsam herausarbeiten.

Eine weitere mögliche Deutungshilfe, die Herr Dr. Sailer uns präsentiert, ist das Gleichnis der Talente (Mt 24,14-30). Bei diesem Gleichnis kann der Lebensweltbezug für die Schülerinnen und Schüler sehr gut hergestellt werden.

Abschließend beendet Herr Dr. Sailer den Workshop mit dem wunderschönen Satz: „Der Verheißung Gottes trauen, auch über ihre denkbar radikalsten Verkehrungen hinweg.“

Die letzte Arbeitsgruppe thematisiert die Berufung und Wanderung Abrahams nach Kanaan (Gen 12,1-9). In dieser Bibelstelle sprach Gott zu Abraham, dass dieser sein Land verlassen und ein Segen sein solle. In hohem Alter nahm er seine Frau Sara, seinen Neffen Lot und seine Knechte und Mägde auf die Wanderung mit. Der Herr versprach Abraham, das Land der Kanaaniter seinen Nachkommen zu geben. Dies würdigte der Stammvater Israels mit dem Bau eines Altars.

Nachdem wir diesen Auszug aus der Bibel gemeinsam gelesen haben, mussten die Textblätter umgedreht werden. Herr Prof. Dr. Riegger fragt uns: „An welche Worte können Sie sich noch erinnern, ohne den ganzen Inhalt wiederzugeben?“. Eine Studentin erinnert sich an den Segen, womit sie Abraham als zentrale Figur des Alten Testaments verbindet. Ein anderer Student äußert die enge Verbindung und das gegenseitige Vertrauen zwischen Gott und Abraham, das durch den Bau des Altars deutlich wird.

Wir alle bemerken, dass der Bibelausschnitt nicht nur bei Studenten, sondern auch bei Schülerinnen und Schülern viele Fragen aufwirft, weshalb dessen Behandlung im Religionsunterricht hochinteressant ist. Da dies in der dritten Klasse im Rahmen von Gottesvorstellungen und biblischen Glaubenszeugnissen thematisiert wird, haben wir uns zunächst einige methodische und didaktische Möglichkeiten für die Grundschule angeschaut. Um einen Einblick in das Nomadenleben zu erhalten, können die Lernenden z.B. Texte von Kindern, die in der Wüste wohnen, lesen und dann verschiedenen Bildern zuordnen. Darüber hinaus kann Abrahams Weg im Sandkasten nachgestellt werden, indem alle eine Figur basteln und den Begleitern einen Namen geben.

Auch in der siebten Klasse der Mittelschule wird Abraham und sein Aufbruch behandelt. Hier können die Schüler/-innen in einem Rollenspiel einen Dialog zwischen Lot und Abraham nachspielen. Alle Schülerinnen und Schüler erhalten eine Rolle. Im Klassenzimmer wird eine Karawane gebildet, an deren Spitze Abraham steht. Die Lehrkraft kann auch eine abgewandelte Erzählung einsetzen, die zusätzlich Gespräche und Gefühle enthält. Auf die Frage eines Studenten, ob das Verändern einer Bibelstelle für den Religionsunterricht erlaubt sei, antwortet Herr Prof. Dr. Riegger: „Der veränderte Text ist für Kinder und Jugendliche viel verständlicher.“.

Der Sternenhimmel, der für den Bund Gottes mit Abraham steht, soll den Schülerinnen und Schülern verdeutlichen, dass man Gott immer vertrauen kann. Im Religionsunterricht können die Lernenden einen Wunsch auf einen ausgeschnittenen Stern schreiben und diesen umgedreht an ein Bild von Sieger Köder, das Abraham darstellt, kleben. Dadurch soll den Jugendlichen vermittelt werden, dass Gott immer nur Gutes will.

Reliforum - Bild 3

In einer Reflexion überlegen wir nochmals, was Abraham mit uns als Person zu tun hat und bemerken, dass uns zwar im Studium einiges abverlangt wird, wir jedoch mit unseren Anstrengungen zu dem Ziel gelangen, Lehrer bzw. Lehrerin zu werden. In diesem Sinne beendet Herr Dr. Sailer den bereichernden Abend mit einem Zitat von Søren Kierkegaard: „Leben muss man das Leben vorwärts, verstehen kann man es nur rückwärts.“

Thomas Harsch
Julian Wunderer
Dennis Spiridonov

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