12.11.2018 – Judentum in einer Synagoge

„Am Fremden das Eigene neu entdecken. Das Christentum trifft die Weltreligionen“. So lautet das Motto des Reliforums in diesem Semester. Aus diesem Grund finden die Treffen nicht wie gewohnt in Schulen statt, sondern an den jeweiligen Orten gelebten Glaubens. An diesem Montag war das Judentum Thema: Nach einer Führung durch die Dauerausstellung „Das Band jüdischer Tradition“ im jüdischen Kulturzentrum Augsburg – das älteste in Deutschland –, und der Besichtigung der Synagoge, die einzig noch erhaltene aus der Vorkriegszeit in Bayern, fand ein dialogischer Austausch mit einem Mitglied der jüdischen Gemeinde vor Ort statt.

Während der Führung sollten die Teilnehmenden sich jeweils einem Gegenstand (z.B. dem ewigen Licht) besonders widmen. Es wurden fünf Gruppen gebildet, wobei jede ein Arbeitsblatt zu dem speziellen Gegenstand erhielt. Aufgabe war es, einen kurzen Informationstext zum jeweiligen Gegenstand zu verfassen und darüber zu reflektieren, worin Verbindungen und Unterschiede zwischen der Verwendung im Christentum und Judentum bestehen.

Zu Beginn der Führung erhielten wir Informationen zur heutigen Gemeinde: Sie ist eine Zuwanderergemeinde und umfasst ca. 1500 Mitglieder, die hauptsächlich aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Ohne diese Zuwanderung würde diese Gemeinde heute nicht mehr existieren. Sie ist damit ein Spiegel der jüdischen Geschichte, die von Beginn an durch Migration und extreme Zäsuren geprägt ist. So kann man Vorkriegs- und jetzige Gemeinde auch hinsichtlich ihrer theologischen Ausrichtung nur schwer miteinander vergleichen.

Mit einer interaktiven Tafel wurden einige wichtige Stichworte, die jüdisches Leben charakterisieren, weiter aufgegriffen: Neben Migration spielen Vertreibung, Asyl, Akzeptanz der Minderheit durch die Mehrheit, Verfolgung und Flucht im Judentum eine große Rolle. In der Geschichte war jüdisches Leben – auch in Augsburg – von einem stetigen Wechsel von Gegeneinander, Nebeneinander und Miteinander geprägt.

Neben der Tafel befand sich eine Krone. Frage war nun, was im Judentum so bedeutsam ist, dass es bekrönt wird. Lösung des Rätsels war: Torarollen. Diese werden sogar nicht nur bekrönt, sondern durch einen purpurnen Mantel geschmückt. Sie werden auch bestattet, wenn sie nicht mehr gebraucht werden können, und sie werden nicht von Menschenhand, sondern durch einen Torazeiger (Jad) berührt. All dies unterstreicht den hohen Wert des Wortes Gottes. Moses Mendelson bezeichnete die Tora auch als ‚portable Heimat‘, die unabhängig von einem Wandel der Lebensumstände Bestand hat.

Der dialogische Charakter der Führung wurde bei der Auseinandersetzung mit dem Sabbat deutlich. Besuchte man die Ausstellung mit einer Schulklasse, könnte man die Frage stellen, ob beispielsweise das Arbeitsverbot am Sabbat heutzutage strikt einhaltbar ist. Die Antwort der Mehrheit dürfte bei dieser Frage klar ‚Nein‘ sein. Als Grund lässt sich ausmachen, dass die heutige Welt auf Arbeit ausgerichtet ist und in einer immer weniger religiösen Gesellschaft wenig Rücksicht auf solche Belange genommen wird (siehe auch Christentum à Sonntag als Ruhetag). Anknüpfungspunkte zwischen Judentum, Islam und Christentum ergeben sich auch durch die Speisegebote. Gerade für muslimische Lernende sind diese oft präsent. Grundregel im Judentum ist, Milchiges und Fleischiges nicht zu vermischen. Bei der genaueren Betrachtung der koscheren Gegenstände fiel auf, dass auch Schwämmchen und Teller enthalten sind. Nach kurzer Verwunderung wurde uns erklärt, dass bei konservativer Auslegung Teller mit Milchigem und Fleischigem auch nicht mit demselben Schwamm abgespült werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Einhaltung der Speisegebote – wie bei uns – je nach Auslegung eine individuelle Entscheidung ist. Als Anknüpfungsfrage kann im Religionsunterricht zum Beispiel gestellt werden, warum in den abrahamitischen Religionen Speisegebote dazugehören.

In einem weiteren Raum der Ausstellung passierten wir eine Wand mit Bildern von Menschen aus der heutigen Gemeinde. Als Denkanstoß für Schülerinnen und Schüler gilt die Frage, welches Bild wir heute von einem jüdischen Menschen haben. Dabei fällt auf, dass oft Stereotype bedient werden. Man stellt sich oft orthodoxe Gläubige vor, was für das Judentum in seiner Vielfalt nicht repräsentativ ist. Die Bilder wurden mit Namen und Geburtsort versehen. Dies verdeutlicht, dass die Gemeinde von Migration geprägt ist und zugleich die jüngsten Gemeindemitglieder wieder in Augsburg geboren sind – wiederum ein Hinweis auf ein lebendiges Gemeindeleben.

Kurz vor Eintritt in die Synagoge sollten die Männer ihren Kopf bedecken. Für Frauen gilt diese Regel allerdings nicht. Die Kippa als Kopfbedeckung ist nicht verpflichtend, wichtig ist allein, dass das Haupt aus Ehrfurcht vor Gott bedeckt ist.

Nach kurzem Staunen über die Atmosphäre in der Synagoge wurden uns Kurzinformationen zum Bau an die Hand gereicht: Die letzte Monumentalsynagoge ist gekennzeichnet durch prächtigen Schmuck und die Kuppel, die eine symbolische Verbindung zur Heimat im Nahen Osten darstellen soll. Mit dem Bau in Augsburg sollte ein neuer Synagogentypus entworfen werden. Interessant war auch, dass eine Synagoge erst durch die Anwesenheit der Tora und entsprechende Inschriften zur Synagoge wird. Der Toraschrein ist der zentrale Ort in der Synagoge und wird durch zwei Vorhänge geschützt. Durch die Ausrichtung nach Osten wird eine Verwandtschaft zwischen Islam, Christentum und Judentum deutlich. Das ewige Licht zeigt die ewige Anwesenheit Gottes an – eine weitere Gemeinsamkeit zum Christentum. Überhaupt muss klar sein, dass ein Großteil unserer christlichen Religion aus dem Judentum hervorgeht. Die Stellung des Lesepults im Osten und die Existenz einer traditionell nicht vorhandenen Kanzel sollte verhindern, dass sich nicht-jüdische Menschen in der Synagoge nicht fremd fühlen, und Offenheit implizieren.

Nun lenkte sich unser Blick auf die reiche Bildausstattung. Schöpfungsbildnisse zeigen, dass die Vorkriegsgemeinde eine sehr liberal geprägte Gemeinde war. In den Ecken befinden sich vier Zwickelbilder. Diese Ausstattung ist beispiellos in einer Synagoge. Die Darstellungen reichen vom Löwen, der die Torarolle hält und den Stamm Juda symbolisiert, über die Friedenstaube, die ewigen Frieden bei der Einhaltung der Gebote verheißt, bis zur Krone des guten Namens. Damit ist jede und jeder einzelne Gläubige angesprochen. Alle können sich an Gottes Namen halten, indem sie seine Gebote befolgt.

Die Menora, ein siebenarmiger Leuchter, ist das einzige Objekt, das kein Original von 1917 ist. Sie gibt es hier erst seit 1989. Die Menora zeigt im Allgemeinen die Verbindung zur Schöpfung: Es gibt sechs Tage der Arbeit und einen der Ruhe. Im Tempel fungierte sie als ewiges Licht, heute ist sie ohne spezielle Funktion. Die Bedeutungsveränderung hängt mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr. zusammen: Alles, was im Tempel eine Bedeutung hatte, sollte in der Synagoge ohne Bedeutung bleiben, um die Einzigartigkeit des Tempels zu betonen.

Am Ende der Besichtigung wurde ein performatives Element besonders hervorgehoben: Wir schwiegen eine Minute, um die Stille des Raumes auf uns wirken zu lassen.

Als Abschluss des Abends stellte sich ein langjähriges Mitglied der Gemeinde unseren Fragen. Von seiner persönlichen Glaubenspraxis und Biographie bis hin zu Fragen der Israel-Politik oder des wiederaufflammenden Antisemitismus wurde vieles angesprochen. Auf die Frage, wie Anfeindungen gegenüber jüdischen Menschen in Augsburg wahrgenommen werden, antwortete er, dass die Verunsicherung tief säße. Zugleich habe man aus der Geschichte gelernt: Gerade solche Begegnungen wie an diesem Abend seien wichtig. Der Kontakt zur Umgebung sei wertvoll, um gefährliche Vorurteile abzubauen und Halbwissen zu vermeiden. Zur Israel-Politik äußerte er, dass er bei weitem nicht mit allen Einzelfragen der aktuellen Politk einverstanden ist, Israel aber grundsätzlich als Rückversicherung für jüdischen Menschen in aller Welt gilt.

Als ein Teilnehmer fragte, ob wir in der Synagoge ein gemeinsames Vaterunser hätten beten können, entgegnete er mit großer Zustimmung: Die Synagoge sei ein Haus für alle und wir seien alle Gottes Kinder.

Aus Zeitgründen wurde am Ende nur ein Arbeitsblatt exemplarisch besprochen. Das Beispiel war die Tora. Hier zeigte sich, dass die Analogie im Christentum nicht in erster Linie die Bibel ist, sondern die gewandelte Hostie. Es geht hierbei um die Gegenwart Gottes.

Abschließend kann von einem gelungenen Abend im Hinblick auf interreligiöses Lernen und interreligiösen Dialog gesprochen werden.

Zum einen wurde immer wieder deutlich, wie viele Gemeinsamkeiten sich zwischen Christentum und Judentum ausmachen lassen. Dass unsere beiden Religionen derselben Wurzel entstammen, sollte man sich zur Vermeidung von unnötiger Distanz immer wieder vor Augen führen, was aber nicht bedeutet, Unterschiede kleinzureden oder gar zu negieren. Im Sinne eines wirklichen interreligiösen Lernens gilt es, die Unterschiede nicht nur zu akzeptieren, sondern sie auch aus der eigenen Perspektive heraus verstehen zu wollen. Zugleich darf das Verbindende nie aus den Augen verloren werden.

Zum anderen fand an diesem Abend ein wirklicher Dialog zwischen den Vertretern der verschiedenen Religionen statt- und zwar auf Augenhöhe. Solche Situationen sind äußerst fruchtbar für das gegenseitige Verstehen und das freundschaftliche Miteinander unter Beachtung aller Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Deshalb sollte ein solcher Dialog viel öfter stattfinden, auch außerhalb von institutionellen Veranstaltungen. Wir jedenfalls sind schon gespannt auf den nächsten Reliforumabend. Dann dürfen wir eine Moschee besuchen und mit Vertreter des Islam sprechen.

Infos und Bilder zur Ausstellung und zur Synagoge finden Sie hier.

Tobias Sieber
Ramona Pickl
Katharina Zach

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