26.06.2017 – Luther verstehen

Gemeinsame Einstimmung auf Martin Luther

Nachdem bei der vorangehenden ersten Veranstaltung dieses Reliforum-Zyklus über Martin Luther dessen historische Spuren in Augsburg besichtigt und entdeckt worden waren, stellten diesmal, ganz im Sinne des ReliForums, Religionslehrkräfte ihre ausgearbeiteten und in der Praxis erprobten Ansätze vor, anhand denen der Reformator im Religionsunterricht behandelt werden kann. Für gewöhnlich kommen beim ReliForum meist katholische Studierende, Lehrkräfte und Universitätsdozenten zusammen, um sich über möglichst hochwertigen Unterricht auszutauschen. Doch gerade wenn Martin Luther auf dem Programm steht, ist der Austausch mit evangelischen Kolleginnen und Kollegen, welcher angesichts der Tendenzen hin zu konfessionsübergreifenden schulischen Kooperationen sowieso zu pflegen ist, ertragreicher und interessanter. Es geht darum, die Unterrichtskonzepte und Vorstellungen der jeweils anderen Konfession kennenzulernen und sich so gegenseitig zu bereichern. Dazu kamen das evangelische Seminar für Grund- und Mittelschule in Schwaben mit ihrem Leiter, Herrn Pfrarrer Helmut Goßler, sowie die Augsburger Religionspädagogin Frau Prof. Elisabeth Naurath. Nach der Begrüßung durch den Lehrer Joachim Sailer stimmte das gemeinsam gesungene Lied ‚Aus tiefer Not schrei ich zu Dir’ die Anwesenden auf den Abend ein.

Reliforum1

Text und Melodie dieses Liedes, das sich auch im Gotteslob (Nr. 277) findet, entstammen der Feder Martin Luthers. Joachim Sailer zeigte, wie sich im Verlauf der einzelnen Strophen die Grundzüge der lutherischen Theologie wiederspiegeln: sola fide, sola scriptura, sola gratia, solus Christus. So wurde man zum Einstieg in die Gedankenwelt des Reformators wieder neu hineingesogen und das eigene Vorwissen über seine Biographie und Lehre ins Bewusstsein gerufen. Nun konnte man sich den Fragen nach der didaktischen Vermittlung Martin Luthers widmen. Dazu waren vier Workshops vorgesehen, in denen Lehrkräfte ihre Unterrichtskonzepte vorstellten. Zwei dieser Workshops wurden von katholischer und zwei von evangelischer Seite angeboten. Der Sinn: Jeder soll von beiden Konfessionen je einen Workshop besuchen.

Workshop I (Grundschule, 4. Klasse, ev. Religionsunterricht, Fr. Hörer)

Im ersten Workshop präsentierte die Grundschullehrerin Frau Hörer ihre evangelische Religionsdoppelstunde mit dem Thema „Martin Luthers reformatorische Erkenntnis“. Nach einer kurzen Begrüßung ging sie die verwendeten Materialien durch, unter anderem zwei Plakate mit dem Wort ‚Gott’. Die SchülerInnen hatten darauf je positive und negative Assoziationen mit Gott verschriftlicht. Bei letzteren handelte es sich jedoch nicht um die der Kinder, sondern um die aus der Zeit Luthers. Der offensichtliche Kontrast soll aufzeigen, wie weit die eigenen positiven Gottesvorstellungen von denen der Zeit Luthers entfernt sind. Im Anschluss liest die Lehrperson den Kindern im Sitzkreis einen fiktiven Tagebucheintrag Martin Luthers vor. Sie sollen daraus die Sorgen, die Luther um seine Gottesbeziehung  hatte, herausarbeiten („Wenn ich … tue, dann…). Gleichzeitig legen sie Steine auf ein Plakat, das mit dem Wort ‚Gott’ beschriftet ist. Nach und nach decken die Steine das Wort zu. Dies veranschaulicht, wie Luther vor lauter Sorgen Gott irgendwann nicht mehr erkennen konnte. Neben dem Plakat steht eine Puppe, die Martin Luther und seine Gefühlslage darstellt. Da er seiner Sorgen wegen sehr unglücklich geworden ist, sind die SchülerInnen dazu aufgerufen, der Puppe eine dementsprechende Körperhaltung zu geben.

Reliforum 2

Schließlich beschloss Luther, sich selbst auf die Suche nach Gottes Spuren in der Bibel zu begeben. Er stieß auf Geschichten, die ihm weiterhalfen. Um dies zu entdecken, ordnen die SchülerInnen in einer Gruppenarbeit Bibeltexten passende Bilder zu. Außerdem müssen sie einen ihnen vorgegebenen Satzanfang ergänzen, sodass er die Bibelstelle zusammenfasst. Diese Sätze ergeben in Verbindung mit den Bildern das spätere Tafelbild. Im Anschluss präsentieren die einzelnen Gruppen ihre biblische Geschichte und spielen entscheidende Szenen nach. In der darauffolgenden gemeinsamen Reflexion kommen die SchülerInnen zu dem Ergebnis, dass Luther aufgrund der eigenen Suche in der Bibel seine negativen Vorstellungen von Gott ändern konnte. Seine Sorgen, symbolisiert durch die Steine, hatten ihm die Sicht auf Gott versperrt. Doch nun dürfen die SchülerInnen, nachdem sie einen Satz der Form „Gott ist nicht …, er ist…“ formuliert haben, jeweils einen Stein vom Plakat wieder wegnehmen, wodurch nach und nach das Wort ‚Gott’ erscheint. Die Lernenden erkennen, dass sich Luthers Gottesbeziehung geändert hat. Zum Abschluss wird ein weiterer fiktiver Tagebucheintrag vorgelesen, der Röm 3,28 enthält, die Stelle, welche Luther zu seiner Zeit zum Umdenken bewogen hatte. Zuletzt formen die SchülerInnen die Figur so um, dass sie nun einen erleichterten, freudigen Eindruck vermittelt.

Workshop II (Realschule, 8. Klasse, katholischer Religionsunterricht)

Den zweiten Workshop hielten die zwei Referendarinnen Franziska Walser und Pia Bremermann der Heinrich-von-Butz Realschule. Sie stellten eine bereits stattgefundene Lehrprobe über Martin Luther in einer 8. Klasse vor. Zum Einstieg spielten die beiden Lehramtsanwärterinnen das Lied Paradies der Toten Hosen mithilfe von Audiotext, Laptop und Beamer vor. Für die TeilnehmerInnen des Workshops gab es dazu drei Arbeitsaufträge.

Reliforum 3

Nach Besprechung und Diskussion der Ergebnisse folgte ein Sinnesgedicht, welches verdeutlichen sollte, was sich der Einzelne unter dem Begriff „Paradies“ vorstellt. Im nächsten Schritt las eine der beiden Referendarinnen einen Text vor. Die TeilnehmerInnen erhielten auf einem Blatt dazu entsprechende Aussagen und sollten die zutreffenden ankreuzen. Doch einige dieser Aussagen waren absichtlich mehrdeutig formuliert, was eine Diskussion innerhalb der Gruppe entfachen soll; dies gelang auch. Dabei kamen Fragen auf, wie z.B. „Muss ich dann eigentlich gar nichts Gutes tun, um ins Paradies zu kommen?“ „Reicht es aus, wenn ich nur an Gott glaube?“ „Wenn Gott vergibt, dann ist es doch egal, ob ich sündhaft handle oder nicht?“ Die Diskussion endete dann mit einem Standpunkt ähnlich wie das unten links, hell-orange, aufgeführte Statement eines Schülers.

Reliforum 4

Zum Abschluss machten sich die TeilnehmerInnen Gedanken, in welchem Verhältnis bei Luther Gott und Mensch, Gnade und Glaube stehen. Der Workshop bot den Studenten zahlreiche Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten für die zukünftige Tätigkeit als Lehrkräfte. Zum einen stellte sich der Einstieg mit dem Song als sehr motivierend und schülerorientiert heraus. Das Sinnesgedicht sprach außerdem Emotionen an; dies ermöglichte zugleich eine sinnliche Vertiefung des Themas. Zum anderen forderte der Workshop soziale und kommunikative Kompetenzen, indem immer wieder in der Gruppe über wesentliche Inhalte diskutiert wurde.

Konfessionelle Unterschiede?

Nach den beiden Workshoprunden drängte sich natürlich eine Frage besonders auf: Wiesen die vorgestellten Unterrichtskonzepte in irgendeiner Hinsicht etwas typisch Katholisches beziehungsweise Evangelisches auf, das den Religionsunterricht der einen Konfession von dem der anderen deutlich unterscheidet? Gab es gar solcherlei konfessionsgebundene Schwerpunktsetzungen, die das Unterrichtskonzept der einen Konfession für das Unterrichten in der anderen Konfession unbrauchbar machen? Wenn ja, dann müsste das doch gerade den TeilnehmerInnen des ReliForums auffallen. Doch jeder von Ihnen dürfte zustimmen, wenn an dieser Stelle das Fazit lautet: Nein, in den Konzepten war nur wenig bis gar nichts auszumachen, was diese als konfessionsgebunden deklarieren würde. Die evangelischen Stunden könnten genauso gut im katholischen Unterricht gehalten werden und andersherum. Von katholischer Seite wurde sogar der Wunsch geäußert, Luther ähnlich wie im evangelischen Religionsunterricht ausführlicher zu behandeln als es der bisherige Lehrplan vorsieht. So wurde der Abend als eine Bereicherung für beide Konfessionen und als weiterer Lichtblick für konfessionsübergreifenden Unterricht empfunden.

Verfasser: Markus Bahle, Lisa Marie Feil, Stefan Tokosch

Advertisements