15.05.2017 – Luther verorten

Veranstaltung am 15.05.2017

Abteilung Schule und Religionsunterricht

Zunächst trafen wir uns um 18:00 Uhr in der „Abteilung Schule und Religionsunterricht“ des Bistums Augsburg. Als Einstieg in das Thema sprach Dr. Joachim Sailer zunächst vom Stellenwert der Kirchengeschichte für den Religionsunterricht. Die Aufgabe von dieser ist, zu zeigen, wie die Christen die Botschaft der Bibel in ihrer Zeit ausgelegt haben. Wichtig ist hierbei, dass Christen (wie beispielsweise Martin Luther) als Vorbilder dienen, dass die SchülerInnen aber auch durch die Irrwege anderer Christen etwas lernen können. Dabei sollte die „historische Methode“ berücksichtigt werden, welche vorsieht, dass bei einer Interpretation immer die zur entsprechenden Zeit vorherrschende Situation berücksichtigt werden muss. Zieht man die Methode für die Zeit Luthers heran, so müssen den SchülerInnen einige Aspekte vermittelt werden: Urteile sollten nicht auf der Basis des heutigen Demokratieverständnisses gefällt werden, da Demokratie damals schlichtweg nicht vorhanden war. Die vorherrschende Idee der Notwendigkeit der (mitunter gewaltsamen) Durchsetzung des eigenen Glaubens ist ein weiterer wichtiger Punkt, den die SchülerInnen erfahren sollten.

Einführung 1

Anschließend erläuterte Herr Sailer den didaktischen Grundsatz, dass eine Vergegenwärtigung des Lernstoffes stattfinden und auch „Ehemaliges“ hergeholt werden muss. Der Fachbegriff hierfür lautet Korrelation. Damit die SchülerInnen die unterrichtlichen Inhalte besser aufnehmen können, ist es von enormer Bedeutung, diese in den heutigen Alltag der SchülerInnen zu übersetzen. Dadurch wird sich dem Inhalt mit größerem Interesse gewidmet.

Als Abschluss stellte Herr Sailer die Prinzipien (nach Hans Mendl) einer Didaktik der Kirchengeschichte vor. Zu diesen zählen Reziprozität („Von heute aus betrachtet“), Lokalisierung (vom nahen zum fernen Raum), Multiperspektivität (Wahrnehmung und Deutung sind perspektivisch verbunden, SchülerInnen sollen so viele Perspektiven wie möglich kennenlernen), Exemplarität (an Beispielen entdecken), Handlungsorientierung (Geschichte begreifen) und Personalisierung (Geschichte anhand von Personen erfahren). Idealerweise sollten diese fünf Prinzipien in jeder Unterrichtseinheit mit kirchengeschichtlichem Inhalt berücksichtigt werden.

Einführung

Luther auf der Spur – vor Ort in Augsburg

Es folgte die Vorstellung eines Projekts der 8. Klasse des Jakob-Fugger-Gymnasiums in Augsburg durch die betreuende Lehrkraft, die Pfarrerin Astrid Henningsen. Frau Henningsen plante dieses Projekt acht Stunden lang mit ihrer Klasse im evangelischen Religionsunterricht. Das Thema wurde ausgewählt, da sich wichtige Ereignisse im Leben Martin Luthers (Reichstag, Gespräch mit Cajetan,…) in Augsburg abspielten. Die Ideen, wie beispielsweise Rollenübernahmen oder Spiele, wurden von den SchülerInnen selbst umgesetzt und an einem Projekttag den anderen Klassen der Schule vorgestellt. Einige Stationen des Projektes wurden sodann im Rahmen der Abendveranstaltung des ReliForums Augsburg von den SchülerInnen vorgestellt.

Peutingerhaus:

Eine von Luthers Stationen in Augsburg war das Gespräch mit Konrad Peutinger im Peutingerhaus. Im Oktober 1518 besuchte Martin Luther bei seinem Aufenthalt in Augsburg Konrad Peutinger. Die SchülerInnen spielten einen kurzen Dialog vor. In diesem äußerte Luthers Dialogpartner, dass der Anschlag der 95 Thesen sehr gewagt sei. Martin Luther wollte jedoch seine Punkte der ganzen Welt mitteilen und stand zu seinen Aussagen. Konrad Peutinger sagte ihm aber schon vorab, dass Cajetan ihm drei Tage später beim Gespräch keine Chance geben werde. Abseits des Rollenspiels war auch für das leibliche Wohl der Teilnehmenden gesorgt, indem selbst gebackene Lutherrosen gereicht wurden.

Fronhof:

Am Fronhof, dem Ort, an welchem die „Confessio Augustana“ verkündet wurde, erzählte uns ein Schüler, dass dort am 25.06.1530 der Reichstag in der „Bischöflichen Residenz“ in Augsburg stattfand. Kaiser Karl V. kam nach Augsburg und verhängte dort ein Verbot für die Protestanten, da er ursprünglich die Einheit der Kirche wiederherstellen wollte. Jedoch reichten die Protestanten die „Confessio Augustana“ (den „Augsburger Religionsfrieden“) ein, welche von allen Fürsten landesweit unterschrieben wurde: Dies gilt als die Geburtsstunde der evangelischen Kirche.

Station II

Galluskirche („dahinab“):

Nach dem Gespräch mit Cajetan flüchtete Martin Luther über das „dahinab“ an der Galluskirche, da seine Verhaftung drohte. Daran änderte auch das Verfassen eines Briefes an Cajetan nichts. Diese Szene wurde von den SchülerInnen anhand eines kleinen Spiels verdeutlicht: Zunächst mussten alle Teilnehmenden Kärtchen mit Schlüsseln Platz suchen.

Station 3

Anschließend spielten diejenigen, die einen Schlüssel fanden, eine abgeänderte Form von „Ochs am Berge 1 – 2 – 3“: Hierbei bekam jeder Mitspieler ein von den SchülerInnen selbst gebasteltes Holzpferd und musste anschließend versuchen – ohne sich bei „Stopp“ zu bewegen – schnellstmöglich über die Ziellinie zu gelangen, um wie Luther an diesem geschichtsträchtigen Ort zu entkommen.

Reflexion

  1. Ideen und Möglichkeiten, die hilfreich für eine zukünftige Tätigkeit als Lehrkraft erscheinen …

Die Idee, SchülerInnen anhand eines Projekts das Thema „Martin Luther und Augsburg“ nahezulegen, fanden wir sehr gut. Dadurch, dass die Heranwachsenden sich selbst darüber Gedanken machen durften, wie sie dieses Thema darstellen, waren sie aktiv am Unterrichtsgeschehen beteiligt, was meist zu einem erhöhten Lernerfolg führt. Auch, dass man als Lehrkraft besonders auf Themen, die mit der eigenen Heimatstadt der SchülerInnen in Verbindung gebracht werden, eingehen sollte, wurde uns durch dieses Projekt verdeutlicht. Zudem fällt auf, dass durch dieses Projekt die fünf Prinzipien nach Mendl berücksichtigt werden konnten.

  1. Gedanken, die zum Nachdenken angeregt haben …

Ein Gedanke, welcher uns zum Nachdenken angeregt hat, war, dass Augsburg doch von so großer Bedeutung für Martin Luther war. Dadurch, dass dort die „Confessio Augustana“ verkündet wurde und somit zur Entstehung der evangelischen Kirche geführt hat, ist Martin Luther in Augsburg eine prägende Figur. Des Weiteren wurde vor allem die Wichtigkeit des Faktors „Glück“ verdeutlicht. Nur durch Hilfe und Glück gelang Luther die Flucht und er entging einer Verhaftung. Der Gedanke, was passiert wäre, wenn die führende Kraft der Reformation nicht mehr aktiv hätte sein können, drängt sich geradezu auf.

  1. Anknüpfungspunkte zu theologischen Inhalten, die bereits Thema im Studium waren …

Anknüpfungspunkte zu theologischen Inhalten gab es für uns bei dieser Veranstaltung zum einen dadurch, dass die Themen „Entstehung der Kirche(n)“ und „Kirchenspaltungen“ sowie die Reformation ein wichtiger Aspekt des Seminars „Grundwissen Theologie“ waren. Zum anderen gibt es Anknüpfungspunkte in der Hinsicht, dass Martin Luther die evangelische Kirche gründete und man als Student im Studium der katholischen Religionslehre immer wieder mit den Unterschieden zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche vertraut gemacht wird. Zudem wurde in praxisorientierten Seminaren bereits auf die fünf Prinzipien kirchenhistorischen Lernens im Religionsunterricht nach Mendl aufmerksam gemacht.

Verfasser: Dominik Ohmann, Daniela Lingg

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