11.01.2016 – Grundvollzüge

„Was bedeutet eigentlich Freundschaft für Sie?“ Mit dieser Frage eröffnen Michael Winklmann und Matthias Werner von der Universität Augsburg die Abendveranstaltung des ReliForums Augsburg zum Thema Grundvollzüge am 11.01.2016. Freundschaft, das bedeutet Vertrauen, Liebe, Streit, Versöhnung – und Zeit miteinander zu teilen. Freundschaft kann also gar kein rein theoretischer Begriff sein, sondern muss praktisch ausgeübt werden. Ein Grundbegriff des Lebens also, der vollzogen werden muss.

Grundvollzüge kennt auch die Kirche, ganz klassisch sind es deren vier, nämlich „Diakonia“, „Koinonia“, „Liturgia“ und „Martyria“. Diese sind aber nicht nur für die Kirche wichtig, sondern können als Grundvollzüge des Lebens selbst gesehen werden. Anhand kurzer Ausschnitte aus der Fernsehsendung „Simpsons“ gemeinsam erarbeitet werden. Nicht zuletzt dadurch gelingt ein – vielleicht unerwartet – lebhafter Einstieg in das Thema der Veranstaltung, bevor die Arbeit im Rahmen von vier Workshops weiter vertieft wird.

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Schulgottesdienste: gemeinsam beten, singen, feiern
„Woran erinnert ihr euch bei Schulgottesdiensten, was darf nicht fehlen?“, lautet die Eröffnungsfrage des Workshops von Frau Paul und Frau Riegger-Kuhn. In einem Stuhlkreis versammelt, stellt Frau Paul Tipps und Wünsche für den Schulgottesdienst vor, die Sie durch eine Umfrage unter Schülern der Heinrich-von-Butz-Realschule erlangt hat. Zu diesen Wünschen gehören moderne Lieder, altersgerechte Bibeltexte, Rollenspiele und das thematische Einbringen aktueller Ereignisse in den Gottesdienst.

Nun sind vier Plakate mit den Bereichen Vorbereitung, Inhalt, Probe und Durchführung auf dem Boden ausgelegt. Es werden Ideen notiert und besprochen. „Die vier Bereiche zur Organisation eines Schulgottesdienstes für Lehrkräfte scheinen alle sehr einfach und klar, jedoch muss man immer und überall mit Schwierigkeiten rechnen. „Mein Tipp: Fangen Sie frühzeitig mit der Organisation an!“, erklärt Frau Paul.

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Zur Abrundung des Themas verschaffen Frau Paul und Frau Riegger-Kuhn den Teilnehmenden einen Einblick zum Aufbau eines Gottesdienstes. Hierzu stellen sie einen selbst geplanten und durchgeführten Gottesdienst vor. Besonderen Wert legen sie dabei auf den persönlichen Einbezug der Schüler in den Gottesdienst. Diese erzählen zum Beispiel über ihre „Dunkelheit im Leben“ und pusten eine Kerze aus. Durch passende positive Fürbitten wird die „Dunkelheit im Leben“ erhellt und symbolisch dazu die Kerze wieder angezündet.

Multireligiöse Feiern an Schulen
Im Workshop von Josef Erhart werden die Teilnehmer anhand des Themas „Vom Schatz in unserem Schuljahr“ an das „Augsburger Modell“ herangeführt. Dieses Team-Modell wird für Abschlussfeiern an Schulen, aber auch zu besonderen Anlässen (z.B. Weltfriedenstag), oder zu Ausnahmeereignissen (z.B. bei Katastrophen) angewendet und soll Möglichkeiten aufzeigen, wie Anhänger verschiedener Religionen dennoch einer gemeinsamen Veranstaltung beiwohnen können. In der Folge erläutert Erhart die Ausführung des Modells am Beispiel der Goethe-Volksschule (HS) in Augsburg – Lechhausen.

Bei den Vorbereitungen sei so einiges zu beachten, vor allem natürlich, welche Glaubensrichtungen tatsächlich an der Schule vertreten sind – in diesem Fall Christentum, Islam und Alevitismus. Eine gemeinsame und partnerschaftliche Vorbereitung, rechtzeitige Vorinformation der Schulleitung und aller Lehrkräfte sowie Elternbriefe gilt es zudem zu bedenken. „Auch inhaltlich gibt es zentrale Elemente, zum Beispiel bei einer gemeinsamen Abschlussfeier“, so Erhart. Zunächst sollen Lieder und Musik für eine angenehme Atmosphäre sorgen, anschauliche Bilder, Zeichnungen und Plakate einbezogen werden, aber auch passende Texte aus der heiligen Schrift, dem Koran und der alevitischen Schriftsammlung gehören ohne Frage dazu.

So gelingt es Erhart den Teilnehmern zu veranschaulichen, welche umfassenden Eindrücke für Schüler hierbei gewonnen werden können. Natürlich ist dabei das Vertrauen zwischen den Religionsvertretern besonders wichtig. „Im interreligiösen Dialog Spuren Gottes in der anderen Religion entdecken und die eigene Religion neu entdecken und schätzen lernen“ kann daher als Leitlinie der multireligiösen Feiern gelten.

Schulpastoral- ein Angebot zum Lernen für das Leben
Was umfasst Schulpastoral? Gastfreundschaft, um Toleranz einzuüben und einander zu begegnen. Kooperationen, um außerschulische Partner kennen zu lernen. Gemeinsam Spiele spielen, aber auch Gestalten und Kreativität, wie z.B. den Lebensraum Schule zu gestalten.

Mit dieser Zusammenfassung eröffnet Isabella Tischinger-Jilg den Teilnehmern im Stuhlkreis das weite Feld der Schulpastoral. Anschließend zeigt Sie auf einen bunten Jahreskreis, der in der Mitte ausgelegt ist, wie dieser mit Ideen für schulpastorale Angebote gefüllt werden kann. Dazu gehören im Dezember beispielsweise das Gestalten der vorweihnachtlichen Zeit durch eine Nacht des Lichts oder Schneewanderungen. Ostern gilt es, als die Zeit der „Umkehr und Hoffnung“ wahrzunehmen. Doch welche Schritte sind wichtig bei der Gestaltung von solchen Angeboten und wie ist vorzugehen, um ein erfolgreiches Ergebnis zu erzielen? Diese und weitere Fragen werden im Anschluss geklärt, um kooperativ mit Eltern und Kollegen zusammen arbeiten zu können. Am Ende führt Frau Tischinger-Jilg zu einer Pinnwand, an der von ihr abgeschlossene Projekte fixiert sind. So gelingt ein kompakter Abschluss des Workshops.

Der Kreuzweg in der Schule

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„Freundschaft spiegelt sich im Kreuzweg wider, wenn wir Freundschaft nicht vollziehen können, fehlt uns ein wesentlicher Aspekt im Leben“, so Joachim Sailer.
Auf einem gelben Leinentuch liegen sechs Bilder auf dem Boden ausgebreitet. Diese Bilder zeigen verschiedene Stationen Jesu Christi auf seinem Leidensweg: Jesus, der von Pilatus verurteilt wird, sein beschwerlicher Aufstieg mit dem Kreuz, Jesu Sterben und Tod sowie die Trauer von Maria und Johannes.
Nach eingehendem Betrachten dieser Kreuzesbilder soll die richtige Reihenfolge des Kreuzweges angeordnet werden. Jeder Teilnehmer darf seine eigene Meinung äußern.
Bei dieser Aufgabe gibt es kein Falsch und Richtig, da beispielsweise die Abbildungen des ersten und zweiten Sturzes Jesu nicht klar zu unterscheiden sind.

Im nächsten Schritt werden mögliche Titel oder Schlagwörter zu den Abbildungen genannt. Hierbei werden menschliche Grunderfahrungen gespiegelt: „fallen und erschöpft sein“, „verurteilt werden“ oder „Mitleid, Trost bekommen“.
Dies sind Erfahrungen, welche jeder Teilnehmer bereits erlebt hat. Das Leben gestaltet sich nicht einfach, viele Hürden müssen überwunden werden, nach einem Sturz muss jeder sich wieder aufrichten und weitergehen.
Familie und Freunde spenden in solchen Situationen Trost und Hoffnung.
Auch Jesus fühlt mit uns, er musste sich nach jedem Sturz wieder aufrichten und weiter kämpfen. An seinem Leben können wir uns orientieren, Hoffnung schöpfen und unserem Leben einen Sinn geben.
Solche Grunderfahrungen wieder zu erleben und zu verarbeiten, soll Ziel einer solchen interaktiven Übung sein. Das Thema „Kreuzweg“ kann ebenfalls Thema einer Unterrichtseinheit an der Grundschule sein. Denn „nur Wissen zu vermitteln und nicht im Leben der Schüler zu verankern, lässt Wissen träge und bedeutungslos werden.“ Mit diesem Satz beendet Sailer den Workshop, der die Teilnehmer bereichert entlässt.

Abschließend kommen alle Teilnehmer wieder im „Haus der Stille“ in einem Stuhlkreis zusammen. Um allen Anwesenden einen Überblick über die Inhalte der einzelnen Workshops zu gewähren, werden diese zunächst im Plenum nachbesprochen.
Doch wie ist nun das Verhältnis der Workshops zu den eingangs erarbeiteten Grundvollzügen der Kirche? Nach einer offenen Diskussion stellt sich heraus, dass dabei „Diakonia“, „Koinonia“, „Liturgia“ und „Martyria“ nicht klar voneinander zu trennen sind, oft gibt es Überschneidungen, wie zum Beispiel beim Thema „Multireligiöses Feiern“.

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Mit der Erkenntnis, dass die vier „klassischen“ Grundvollzüge der Kirche durchaus auch ihren Niederschlag am Handlungsort Schule finden, werden die erste Veranstaltung des ReliForums Augsburg im Jahr 2016 sodann beendet und die Teilnehmer verabschiedet.

Julia Strobl, Katja Lechner, Elisa Joas

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