09.05.2016 – Selbstliebe

„Wer von Ihnen möchte denn gerne einen Kaffee?“ Aus einer großen Thermoskanne teilt Michael Winklmann Kaffee aus. Viele kleine, weiße Plastikbecher stehen dafür bereit. Was für eine ungewöhnliche Frage, vor allem im Rahmen einer universitären Veranstaltung. Vor allem am späten Nachmittag, kurz nach 18 Uhr. Es ist der Beginn der ersten Abendveranstaltung des ReliForums Augsburg im Jahr 2016. Im Vorfeld wurde eigentlich das Thema „Selbstliebe“ innerhalb der Themenreihe „Barmherzigkeit“ angekündigt. Doch nun? Kaffee? Nach und nach melden sich immer mehr Teilnehmende, bedanken sich für die nette Geste. Doch spätestens als Herr Winklmann die Frage stellt, wieso die Teilnehmenden einen Kaffee genommen haben und was der Unterschied zwischen diesem und einem hochaufwendigen Kaffee von Starbucks ist, wird auch dem Letzten klar, dass es sich hierbei nicht nur um eine nette Geste handelt… Ist es eine Energiequelle? War es reine Höflichkeit? Wollten Herr Werner und Herr Winklmann einfach mal für Abwechslung sorgen? Allmählich wird den Teilnehmenden klar, dass sie alle den Kaffee aus einem ganz bestimmten Grund genommen haben: Es ging dabei nicht um Genuss, nicht um eine Belohnung. Dieser Kaffee war reines Mittel zum Zweck.

In unserem Alltag benutzen wir oft Mittel, um einen Zweck zu erreichen, um eine Verbesserung herbeizuführen. Wir funktionalisieren Dinge. Dies veranschaulichen Herr Winklmann und Herr Werner, indem sie an Kleingruppen auf Bildkärtchen sieben Beispiele dafür austeilen. Diese – eine Tasse Kaffee, RedBull, Proteinpulver, Koffeintabletten, Ritalin zur Konzentrationssteigerung und das Ergebnis einer Schönheits-OP – werden sodann nach dem Grad der Grenzüberschreitung angeordnet. „Was haben all‘ diese dargestellten Dinge gemeinsam?“, ergeht als zusammenfassende Frage an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Schnell wird klar, dass diese Mittel zur vermeintlichen Steigerung des Wohlbefindens eingesetzt werden. Doch worin besteht nun der Zusammenhang mit der Religion? Mit dem Religionsunterricht im Speziellen? Die hier dargestellten Mittel zeigen, dass die Selbstliebe zum Teil derart übersteigert wurde, dass der Blick für den Nächsten verloren gegangen ist. Dabei würde wahre Selbstliebe zunächst dazu auffordern, sich selbst anzunehmen und zu akzeptieren. Verschiedene Aspekte einer so verstandenen Selbstliebe werden im Anschluss in fünf verschiedenen Workshops bearbeitet.

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Perfektion im Bereich des Sozialen

Im Workshop von Herr Werner und Herr Winklmann wird zu Beginn ein Bild ausgeteilt, auf dem eine Familie zu sehen ist. Nach erster stiller Betrachtung stellen die Teilnehmenden fest, dass die dargestellte Familie viel zu perfekt ist, um natürlich zu sein. Abgebildet ist die „Idealfamilie“ – mit Mann, Frau und 2 Kindern. Auf dem Bild werden keine Fehler suggeriert und der Mann steht im Mittelpunkt als „Familienoberhaupt“, wohingegen die Frau neben ihm kniet. Nach der Besprechung des Bildes stellt sich die Frage, ob es überhaupt wünschenswert ist perfekt zu sein?

Herr Winklmann nennt in diesem Zusammenhang ein Zitat von Oliver Kahn: „Perfekt sein wollen ist ok! Aber perfekt sein ist unmöglich!“ Für manch einen mag Perfektion ein Machtstreben sein, für andere stellt es eine Befriedigung der eigenen Selbstwahrnehmung dar. Die Perfektion soll unnahbar machen, das dient teilweise auch zum Selbstschutz. Es folgt die Besprechung des Bibeltextes „Jesus im Haus des Zöllners Zachäus“, welcher die Botschaft transportiert, nicht perfekt sein zu müssen. Zusätzlich werden noch zwei Liedtexte an die Teilnehmer verteilt, in denen es ebenfalls darum geht, dass niemand perfekt ist. Als Ergebnis des Workshops kann jeder der Teilnehmenden mitnehmen, dass Selbstliebe bedeutet, dass man sich so annimmt, wie man nun mal ist. Selbstliebe in der Partnerschaft bedeutet, dass die Lebenspartner gleichgestellt sind. Dafür aber ist Selbsterkenntnis enorm wichtig.

Selbstverliebtheit

Der Workshop von Axel Herschke, einem Religions- und Englischlehrer am Rudolf-Diesel-Gymnasium in Augsburg, startet mit einer anschaulichen Präsentation von verschiedenen Definitionsweisen von Selbstliebe. Eine Definition bezeichnet Selbstverliebtheit als „Barmherzigkeit gegenüber der eigenen Person“. Der Begriff Barmherzigkeit taucht interessanterweise im Zusammenhang mit Selbstverliebtheit immer wieder auf und muss, laut Axel Herschke, somit ebenfalls definiert werden. Die Barmherzigkeit Gottes kann als „Gottes Bauchgefühl“ beschrieben werden, denn in der Bibel wird Gott sehr menschlich beschrieben und das Mitgefühl Gottes wird in den Bereich der Organe verlegt.  Im Lehrplan findet sich das Thema „Selbstverliebtheit“ unter dem Punkt „GesICHt zeigen“. Mit einer PowerPoint-Präsentation führt Axel Herschke im Folgenden den Teilnehmenden Artikel und Bilder vor, die sich im Unterricht zum Themenbereich „Ich liebe MICH“ sehr gut einsetzen lassen. Diese thematisieren moderne Selbstdarstellungsmöglichkeiten wie Selfies (unter Zuhilfenahme von Selfie Sticks), die Russenhocke, Fotos durch Drohnen, usw. Zum Abschluss des Workshops erklärt Axel Herschke, dass er gerne mit jeglicher Art von Musik im Unterricht arbeitet und lässt das Lied „Mein größter Feind“ von den Toten Hosen abspielen. Die Teilnehmenden können währenddessen den Text mitlesen. Axel Herschke hat dieses Lied zum Thema „Sich selbst mit den Augen des Anderes sehen“ gewählt.

„Heute bin ich“

Die Teilnehmenden betreten das Klassenzimmer. In der Mitte liegt ein blaues Tuch mit Fischbildern, außenherum ein Stuhlkreis, auf dem die Anwesenden Platz nehmen. „Wenn meine Schüler aus der Pause kommen, bin ich oft mit verschiedenen Emotionen konfrontiert. Manche sind sauer nach einem Streit, andere sind ganz aufgeregt … Da kann ich jetzt nicht einfach loslegen und Unterricht machen. Außerdem ist es mir wichtig, dass die Schüler ihre Emotionen wahrnehmen und akzeptieren“, erzählt Frau Monika Zanker aus ihrer beruflichen Praxis. Da sich Emotionen besonders gut durch Bilder ausdrücken lassen, stellt Frau Zanker das Buch „Heute bin ich“ vor.

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In diesem Buch werden durch Bilder von Fischen verschiedene Emotionen dargestellt, zu welchen es passende Wortkärtchen gibt, die die jeweiligen Emotionen beschreiben. „Jeder nimmt sich nun ein Wortkärtchen und versucht es dem passenden Fisch zuzuordnen“, fordert Frau Zanker die Anwesenden auf. Diese Aufgabe erweist sich nicht unbedingt als einfach, aber die Farben der Fische helfen auf die Sprünge. Auch die Teilnehmenden dürfen zeigen, wie sie sich gerade fühlen, indem sie Muggelsteine zu den Fischbildern legen. Dabei ist es erwünscht, mit den anderen auch darüber zu sprechen, warum man sich z.B. gerade glücklich fühlt. „Es tut gut, über die eigenen Gefühle zu sprechen und zu lernen sie zu akzeptieren. Man ärgert sich über einen Freund oder ist glücklich über eine gute Note. Man muss sich seinen Gefühlen bewusst werden. Geben Sie ihren Schülerinnen und Schülern diese Chance, indem sie sich im Unterricht die Zeit nehmen, über Gefühle und Emotionen zu sprechen“, sind die abschließenden Worte von Frau Zanker.

„Auf dem Weg zu sich selbst und anderen“/„Kannst du dir selbst Freund sein?“

Nach einer kurzen Verschnaufspause geht es weiter mit dem Workshop von Herrn Dr. Sailer. Er begrüßt uns sehr herzlich und teilt uns ein umgedrehtes Papiergeheft aus. „Kannst du dir selbst Freund sein? Was bedeutet das?“, fragt er daraufhin. Wir denken kurz über die Frage nach, anschließend geben alle ihre Antworten preis. Herr Dr. Sailer fährt mit der Aussage fort: „Max Frisch: Warum weinen Sterbende nie?“ Diese Aussage lässt er im Raum stehen. Unsere Aspekte, sich selber Freund zu sein, sind beispielsweise: die Akzeptanz des eigenen Ichs, der eigenen Schwächen und Stärken, Für mich da sein, Eigene Bedürfnisse vorrangig sehen, Nicht nur immer es den anderen recht machen wollen und vor allem an sich denken. „Die Schüler müssen hierherbebracht werden: Der Mensch wird am DU zum ICH, wie gelingt dies?“, wirft Herr Dr. Sailer ein.

Nun fordert er uns dazu auf, eine zweigeteilte Tabelle auf den vor uns liegenden Papierbogen zu zeichnen. Auf die linke Seite soll ein positiver Smiley mit je 4 positiven Eigenschaften geschrieben werden, auf die rechte Seite ein negativer Smiley mit 4 negativen Eigenschaften. Zur Erleichterung sollten wir dabei an zwei Personen denken und überlegen, was wir an ihnen schätzen beziehungsweise was uns an diesen Personen missfällt. Im Plenum sammeln wir diese Eigenschaften danach. Herr Dr. Sailer fragt uns, zu welcher Seite es leichter war, bestimmte Eigenschaften zu finden. Unsere Meinungen gehen auseinander. Nach der Besprechung der Eigenschaften zeichnen wir einen doppelten Strich unter die beiden Seiten und schreiben das Wort „ICH “ darunter. „Was ich bin doch nicht …“, hört man es tuscheln. Herr Dr. Sailer erklärt, dass man sich immer die Frage „Bin ich das?“ stellen sollte. Es beginnt eine Diskussion um die Fragen „Habe ich diese Eigenschaften in mir?“/„Heißt das, ich entspreche diesen?“. Wir erkennen, dass wir die Eigenschaften besitzen, aber im Sinne davon, dass wir Erfahrung damit gemacht haben. Das heißt aber nicht, dass wir ihnen entsprechen. Der Unterschied zwischen dem ICH und dem SELBST kristallisiert sich hier heraus. Das ICH ist das reflektierte Unveränderbare. Am SELBST kann man arbeiten und es ist veränderbar. Nach dieser Etappe klebt Herr Dr. Sailer ein Blatt an die Tafel: ICH → DU → WIR → ICH. „Das Schaubild wird deutlich im Prozess des Findens der Eigenschaften“, erklärt Herr Dr. Sailer. Das ICH wird am DU zum ICH und WIR finden gemeinsam zum ICH zurück. Es ist außerdem sehr wichtig, Narzissmus und Selbstliebe klar zu differenzieren. Man muss beachten, dass der eigene Ärger beziehungsweise die eigene Freude nur etwas über sich selbst aussagt, es muss nicht von jedem so gesehen werden.

Zur Umsetzung in die Praxis hören wir eine Geschichte, die uns Herr Dr. Sailer vorliest. Eine kurze Zusammenfassung: Ein Mann fährt täglich mit dem Bus um 08:11 Uhr. Jeden Morgen steigt eine Frau dazu, sie sitzt jeden Tag am gleichen Platz, liest jeden Tag ihre Zeitung und isst ihr Wurstbrot. Der Mann kennt die Dame nicht, hat nie mit ihr gesprochen, aber sie nervt ihn sehr. Die Begegnung mit der Dame geht ihm nicht mehr aus dem Kopf und er erzählt seinen Bekannten von ihr. Keiner versteht, warum er so genervt von ihr ist. Eines Tages übernachtet die Freundin des Mannes, Beate, bei ihm und fährt am Morgen gemeinsam mit ihm mit dem Bus. Als sie die Frau sieht, zupft sie den Mann am Ärmel und flüstert ihm ins Ohr: …

Herr Dr. Sailer macht hier einen Schnitt, lächelt und lässt uns fortsetzen, was Beate ihrem Freund wohl ins Ohr flüstert. Viele verschiedene Antworten ertönen im Raum. Daraufhin liest er das Ende der Geschichte vor: „Du, schau mal, die Frau dort mit dem roten Mantel, die gerade das Brot isst, also ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie erinnert die mich unheimlich an DICH. Wie sie isst, und sitzt und wie sie schaut…“. Herr Dr. Sailer fragt: „Warum habe ich diese Geschichte gewählt?“ Der Grund liegt darin, dass wir beziehungsweise die Schüler lernen sollen, dass man eigene Fehler weniger als die anderer sieht. In der Praxis setzt er diese Stunde in der 8. Klasse unter dem Lehrplanpunkt 8.1 „Auf dem Weg zu sich selbst und anderen: Sexualität als Sprache der Liebe. Man lernt die eigene Identität wahrzunehmen: Ringen um Kontakt und Anerkennung; Wie sehe ich mich selbst?/ Wie sehen mich die anderen? Körpersprache entdecken und deuten.“ Nach einer gemeinsamen Reflexion verabschiedet sich Herr Dr. Sailer von uns.

Selbstliebe in der modernen Popmusik

Ein Spiegel wird herumgegeben. Einige schauen ganz kurz herein, andere länger oder zupfen an ihren Haaren. „Wie habt ihr euch gefühlt, als ihr in den Spiegel geschaut habt?“, fragt Frau Paul. Die meisten haben sich in dieser Situation sichtlich unwohl gefühlt, da man von den anderen beobachtet wurde. Normalerweise wirft man einen Blick in den Spiegel, wenn man zu Hause ist und niemand dabei zuschaut. Nun bekommen die Teilnehmenden den Liedtext zu „Ich liebe mich“ von Götz Widmann ausgeteilt. „Hören sie sich dieses Lied an und notieren für sich die wichtigste Passage“, fordert Frau Paul auf. Sätze wie „der mir all seine Gefühle zeigt“, „der wenn ich lache mit mir lacht“ oder „ich bin mein Freund ich liebe mich“ stehen bei den Anwesenden im Vordergrund. Das Lied möchte darauf aufmerksam machen, dass man sich selbst Freund ist und seine Stärken und Schwächen akzeptieren soll. Es ist also nicht verwerflich, sich selbst zu lieben. Mit Hilfe dieses Liedes schafft es Frau Paul mit ihrem Team zu zeigen, dass Selbstliebe notwendig ist, um andere zu lieben. „Machen sie auch ihren Schülerinnen und Schülern bewusst, dass sie gut sind, so wie sie sind“, gibt Frau Paul den Teilnehmern an die Hand.

Abschließend kommen alle Teilnehmenden wieder in der Aula der Heinrich-von-Buz-Realschule im Stuhlkreis zusammen. Die erste Veranstaltung des Reli-Forums Augsburg im Sommersemester 2016 wird mit einer Bildmeditation beendet. Dazu erhalten alle Anwesenden eine Spiegelfolienkarte zum Thema „Ich zerbrochen in der Tiefe, gehalten durch das Kreuz“. Diese Karte vor Augen können alle Teilnehmenden bei Hintergrundmusik in sich gehen und einem von Herr Winklmann laut gesprochenem Text lauschen.

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Annemarie Schwarz, Jessica Lohner, Katharina Birkle, Simone Lidl

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