06.06.2016 – Nächstenliebe

„Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst!“ Mit diesen Worten des Paulusbriefes an die Galater eröffnet Monika Zanker am 06.06.16 den Abend zum Thema Nächstenliebe des ReliForums Augsburg in der Franz-von-Assisi-Schule. Was stelle ich mir darunter vor? Wer ist eigentlich mein Nächster? Welche Einstellung habe ich dazu? Mit diesen Fragen dürfen sich die Teilnehmenden zunächst beschäftigen und die Ergebnisse in einem Lerntagebuch festhalten. Im Austausch untereinander werden verschiedene Personengruppen wie Familie und Freunde, aber auch Nachbarn und Leute auf der Straße genannt, welche die Beteiligten als ihren Nächsten sehen, wobei festgestellt wird, dass diese Liebe von unterschiedlicher emotionaler Qualität sein kann. Um dies zu verdeutlichen, erläutert Monika Zanker, dass bereits im Alten Testament der Zusammenhang zwischen Gottes- und Nächstenliebe zur Sprache gebracht wird, wobei vor allem auch die Fremden- und Feindesliebe thematisiert wurden.

Nächstenliebe Einstieg

Auch Jesu Lebensprogramm war eines der Nächstenliebe. Beispielsweise konkretisiert er in den Seligpreisungen die Nächstenliebe und verdeutlicht bei der Erzählung des barmherzigen Samariters, was es bedeutet sich des Nächsten anzunehmen. Auch in den Leben verschiedener Heiliger, wie dem der heiligen Elisabeth oder des heiligen Martin, spiegelt sich dieses Lebensprogramm der Nächstenliebe wieder. Die Nächstenliebe ist also eine bedeutende Säule der Kirche, dies findet z.B. in der christlichen Caritas Ausdruck. Aber auch in anderen Religionen spielt dieses Thema eine wichtige Rolle. Im Islam beispielsweise hat das Geben von Almosen einen hohen Stellenwert, im Buddhismus wird die Ebenbürtigkeit aller Geschöpfe und das Mitfühlen mit den Mitmenschen sehr betont. Abgerundet wird der Einstieg durch ein Zitat von Johannes Hampel: „Der Nächstenliebe haftet also im Gegensatz zur leidenschaftlichen Liebe zu Einzelnen stets etwas Zufälliges an, sie wird ohne Vorbedingung geleistet, sie bedeutet keine Selbstaufopferung, sie fordert keinerlei emotionale Vorleistung, die der Gebende nicht zu geben bereit ist. Niemand muss um der Erreichung eines höheren Ideals willen im Namen der Nächstenliebe ein übergroßes Opfer bringen. Sie ist kein Ding der Unmöglichkeit. Sie ist das ‚leichte Joch‘, das zu tragen durchaus zumutbar ist.“ Anschließend werden vier verschiedene Workshops angeboten, welche in zwei Durchgängen besucht werden.

Der barmherzige Samariter

In einem Workshop wird die Geschichte des barmherzigen Samariters behandelt. Der Referent Constantin Wolff schildert eine Unterrichtseinheit, wie er sie durchführen würde und worauf geachtet werden muss. Zunächst einmal sei es wichtig, den Schülern, die in der Geschichte vorkommenden Personengruppen, wie Leviten, Pharisäer, Samariter zu erklären. Anschließend fährt Wolff mit einem Landschaftsbild des Weges von Jerusalem nach Jericho fort. Hier soll beschrieben werden, wie der Weg aussieht. Daraufhin wird der Weg mit Tüchern, Figuren, Steinen und kleinen Bäumen und Häusern nachgebaut.

Zu Anfang solle mit den Schülern aber auf verschiedene Fragen eingegangen werden: Wer ist mein Nächster? Wer ist mir nah? Dies habe den Hintergrundgedanken, die Schüler dort abzuholen, wo sie stehen und einen Lebensweltbezug herzustellen. Die Kinder könnten Personen nennen, die ihnen nahe stehen, wie die Eltern, Familie und Freunde. Dann sollte die Verknüpfung zur Geschichte Jesu folgen, indem verdeutlicht wird, dass auch Jesus diese Frage gestellt wurde und er mit der Geschichte des barmherzigen Samariters geantwortet hat. Nun wird überlegt, wie die Geschichte des barmherzigen Samariters erzählt werden kann und dabei die Schüler mit eingebunden und aktiviert werden können. Hierzu wird die Geschichte gelesen und die Teilnehmer überlegen, wie dies verwirklicht werden könnte. Es werden verschiedene Ideen zur Sprache gebracht. Es könne an verschiedenen günstigen Stellen eine Pause gemacht werden, wonach die Schüler die Figuren positionieren dürfen und durch hinführende Fragen auf bestimmte Themen sensibilisiert werden. Dies ist beispielsweise möglich an der Stelle, wo der Priester an dem Verletzten vorbeigeht und ihm nicht hilft. Hier könnte man die Schüler fragen, was sie davon halten, warum der Priester das macht und ob ihnen das auch schon einmal passiert ist, dass sie aus irgendwelchen Gründen nicht geholfen haben. Die Schüler sollen hier erkennen, dass es manchmal Zwickmühlen gibt, bei denen man sich entscheiden muss, was einem wichtiger ist, wie auch hier bei dem Priester, welcher sich nicht „verunreinigen“ will, damit er seinen Tempeldienst noch erledigen kann.

Abschließend verdeutlicht Wolff die Wichtigkeit, auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wer ist also mein Nächster? Die Workshopteilnehmer überlegen, dass es wichtig ist, dass den Kindern klar wird, dass dem Nächsten zu helfen nicht immer so einfach ist. Manchmal muss man seine eigenen Vorhaben zurückstellen und Prioritäten setzen, so wie es auch dem Priester und Leviten ging, denen es wichtiger war ihren Aufgaben im Tempel nachzugehen, als dem Verletzten zu helfen. Zum Beispiel könnte ein Schüler mit einem Mitschüler sein Pausenbrot teilen, wenn er sieht, dass dieser keines dabei hat. Hierbei muss dieser Schüler sich entscheiden, ob er den eigenen Nachteil weniger zu Essen zu haben hinnehmen kann, um dem anderen zu helfen. Zum Abschluss erhalten die Teilnehmer noch den Stundenablauf der besprochenen Unterrichtseinheit, womit der Workshop beendet ist.

Sankt Martin

Dass man mit dem Hl. Martin eine große Tradition und ein tolles Event in Verbindung bringt, darüber sind sich die Teilnehmer im Workshop von Herrn Werner und Herrn Winklmann schnell einig. Auch darüber, dass man aus Lehrersicht dieses Thema mit den Begriffen „Teilen“, „Gerechtigkeit“ und „Liebe Gottes“ verbindet. Immerhin taucht es sowohl in den Lehrplänen für evangelische und katholische Religionslehre sowie im Fach Ethik auf. Meist ist es dabei im Bereich der Werteerziehung verortet. Aber begreifen Kinder in der Grundschule dieses Thema wirklich schon? Es ist davon auszugehen, dass Grundschüler schon verstehen, dass der Hl. Martin dem Bettler hilft, aber der nachfolgende Traum kann erst ungefähr ab der 3. Klasse begriffen werden. Entwicklungspsychologisch betrachtet wollen Kinder in der Grundschule Gerechtigkeit. „Aber zu welchen Erkenntnissen kommen entwicklungspsychologische Studien?“, stellt Herr Winkelmann als Frage in den Raum. Nach Kohlberg z.B. orientieren sich Kinder zunächst an den eigenen Bedürfnissen, später an den Mehrheitsvorstellungen und Rollenerwartungen des näheren Umfelds. Um dies zu verdeutlichen, liest Herr Winkelmann eine Dilemma-Geschichte vor. Aber wie schafft man es nun, dass Kinder den eigentlichen Sinngehalt der Martinsgeschichte verstehen? Ist das überhaupt wichtig in der Grundschule, oder reicht es schon, wenn die Kinder „das kleine Teilen“ im Alltag umsetzen? Im Hinblick auf diese Fragen schauen sich die Teilnehmer zwei verschiedene Materialien an. Das Erzähltheater von Don Bosco erzählt die Martinsgeschichte mit Hilfe eines Kamishibai. In eine Art aufklappbaren Bilderrahmen kann man nacheinander die Bildkarten hineinschieben und dadurch die Geschichte erzählen, während die Zuschauer das Bildtheater verfolgen. Die Bildkarten zur Martinsgeschichte zeigen, wie der Hl. Martin sich in einem Gänsestall vor den Menschen versteckt, die ihn zum Bischof weihen wollen. Er erzählt den Gänsen von seiner Begegnung mit dem Bettler. Durch diese Art der Darstellung wird den Zuschauern auf geschickte Art und Weise das Leben des Hl. Martins näher gebracht. Durch das Bilderbuch „Die Geschichte von Sankt Martin“ von Wasyl Bagdaschwili wird das Leben von Martin und besonders die Begegnung mit dem Bettler ausführlicher erzählt. Es wird deutlich, dass der Hl. Martin von Gott beschützt wird.

Nächstenliebe St. Martin

Die Teilnehmer des Workshops erkennen aber recht schnell, dass es beiden Materialien nicht gelingt, einen Bezug zum Leben der Schülerinnen und Schüler herzustellen. Die Geschichte des Hl. Martins wird in beiden Fällen nur nacherzählt und bleibt dadurch fremd. Es wird festgestellt, dass die Martinsgeschichte ungewöhnlicher und anspruchsvoller ist, als sie auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag. Daher ist es wichtig, die durch die Geschichte des Hl. Martins präsentierte Aufforderung zur Nächstenliebe den Schülerinnen und Schülern auf einer ihnen verständlichen Ebene zu präsentieren. Die konkrete Handlung des Hl. Martin, nämlich das Teilen seines Mantels, ist für Kinder viel zu abstrakt und kann daher nicht einfach nacherzählt werden. „Kein Kind soll nach dem Religionsunterricht seine Jacke zerschneiden, aber es sollte sich die Frage stellen, warum der Hl. Martin seinen Mantel teilt und wie es selbst die christliche Forderung der Nächstenliebe in seinem Leben umsetzen könnte.“ Mit diesen Worten schließt Herr Werner den Workshop ab.

Wer ist mein Nächster?

Nach einem kurzen Werbespot über ein Programm für Integrationspolitik steigt Yvonne Paul direkt ins Thema ein und will von den Teilnehmern des Workshops wissen, wer sich schon mal für Flüchtlinge engagiert hat. Zögernd wird zugegeben, dass sich niemand der Anwesenden in der Vergangenheit engagiert hat. Fehlende Zeit und fehlender Bezug zu Flüchtlingen sind einige Gründe die genannt werden. Wer ist überhaupt mein Nächster? Sind nicht nur Christen meine Nächsten? Dies sind Fragen, die rau Paul als Religionslehrerin in letzter Zeit öfters gestellt werden. Auch vor 2000 Jahren war diese Frage schon aktuell. In einem nächsten Schritt führt Frau Paul ein Bibliolog über die Geschichte des „Barmherzigen Samariters“ durch. In einem Bibliolog versetzt man sich in die Rolle verschiedener Personen, welche im Text vorkommen und findet Antworten auf Fragen, die der Textoffen lässt. Die Teilnehmer des Workshops machen die Erfahrung, dass es herausfordernd sein kann, sich in eine andere Rolle hineinzudenken. Da dieser Bibliolog auch in der Schule angewendet werden kann, weist Frau Paul anschließend darauf hin, dass die Schüler motivierter sind, wenn sie vorher noch nicht wissen, dass es sich beim Text um eine Bibelstelle handelt. Im Anschluss an den Bibliolog werden drei Texte gelesen, die verschiedene Inhalte der Bibelstelle wie z.B.  die Frage nach dem Nächsten, das Vorbeigehen der Priester und Leviten und das Verhalten des Samariters beleuchten. Der letzte Vers der Bildgeschichte „So gehe hin und tue desgleichen!“ (Lk 10,37) könnte implizieren, dass man kein guter Christ ist, wenn man nicht hilft. Diese provokante Aussage entschärft Frau Paul, indem sie von einem Projekt aus ihrer Schule erzählt. Einige Schüler aus ihrer 6. Klasse wollten wissen, wie viele Menschen hilfsbereit sind und haben auf einem Parkplatz vorgetäuscht, sich am Bein verletzt zu haben. Die Schüler haben verschiedene Passanten gebeten sie mit dem Auto nach Hause zu fahren. Von 22 Passanten hätten 11 den Kindern geholfen. Interessant für die Schüler war die Tatsache, dass es für die Passanten keinen Zusammenhang zwischen Religion und ihrem Handeln gab. Abschließend liest Frau Paul ein Zitat von einer Schülerin vor: „Man muss nichts Großes machen, man kann ganz klein anfangen und dann wird daraus etwas Großes.“ Mit der Aufforderung, die wichtigsten Gedanken aus dem Workshop im „Lerntagebuch“ festzuhalten, ist der Workshop beendet.

Unterrichts- und Praxisprojekt Compassion

„Compassion“ – „Barmherzigkeit“. Jeder wünscht sich, mit Barmherzigkeit und Mitgefühl behandelt zu werden. Doch wer behandelt den Nächsten wirklich mit Barmherzigkeit? Wer kümmert sich denn um Arme, Kranke und diejenigen, die am meisten unserer Hilfe benötigen? Auch die meisten jungen Menschen haben heutzutage kaum Kontakt mehr zu ausgegrenzten und bedürftigen Menschen. Dies versucht das 1996 in Baden-Württemberg ins Leben gerufene Projekt „Compassion“ zu ändern. Um den Anwesenden das Konzept näher zu bringen, lässt Herr Riegger zunächst eine Dokumentation abspielen, die von dem Aufbau von „Compassion“ berichtet und die Erfahrungen einiger Teilnehmer festhält: Das Projekt ist ein Praktikum in sozialen Einrichtungen, das im Rahmen eines schulischen Betriebspraktikums, idealerweise in der 10. Klasse, durchgeführt wird. Jeder Schüler erhält die Möglichkeit, in den Alltag sozialer Einrichtungen hinzuschauen und im Rahmen des Möglichen mitzuhelfen. Diese reichen von Kindergärten über Förderschulen bis hin zu Altenheimen oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Viele der Jugendlichen begegnen in diesem Praktikum das erste Mal „dem Fremden“, dem Menschen zu dem man sonst eher Abstand halten würde. Natürlich kommen einige an ihre Grenzen durch diese neuen, bisher unbekannten Erfahrungen. Deshalb werden die Schüler von ihren Lehrern begleitet und erhalten die Möglichkeit, sich über das Praktikum mit ihren Klassenkameraden auszutauschen.

Viele der Teilnehmer des Projektes berichten sehr positiv über ihre Erfahrungen: „Man bekommt mit, wie das richtige Leben ist“, „ich habe keine Angst mehr vor Menschen mit Behinderung“. Durch dieses Praktikum dürfen die jungen Leute am eigenen Leib erfahren, was wohl der Philosoph Hans Jonas meinte, als er sagte: „Ein Mensch ist kein Mensch. Wir sind alle aufeinander angewiesen“ oder wie Paulus schrieb: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder“ (1. Kor 12,26). Gerade in unserer postmodernen Gesellschaft, die geprägt ist von einem Mangel an Primärerfahrungen, ist es um so wichtiger für die Entwicklung und Heranreifung von jungen Menschen, diese Begegnungen zu haben. Compassion trägt dazu sicherlich einen bedeutsamen Teil zum mündigen Erwachsenenwerden bei.

Abschlussrunde

Abschließend kommen alle Teilnehmer wieder in dem Haus der Stille zusammen. Nachdem im Laufe des Abends verschiedene Ideen vorgestellt wurden, wie man das Thema Nächstenliebe mit Schülern behandeln kann, kommt Monika Zanker noch einmal auf das spezifisch christliche am Thema Nächstenliebe zu sprechen: Nächstenliebe führt immer zu Gottesliebe, welches das Thema der kommenden Veranstaltung sein wird. Nach einem kurzen Moment des Reflektierens, während dem die Teilnehmer ihr Lerntagebuch vervollständigen, wird die Veranstaltung mit der Einladung zum nächsten und letzten ReliForum des Semesters beendet.

Stefanie Aicher, Elisabeth Heine, Johannes Wacker, Rahel Blick

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