04.07.2016 – Gottesliebe

Einstieg

Jeder kennt sie. Die berühmten Zeichnungen von Kim Casali – ,,Liebe ist…‘‘. Genau mit solch einer eröffnet Herr Werner die Sitzung zum Thema Gottesliebe. Die erste Frage, die er in die Runde wirft: „Was ist Liebe eigentlich?“ Nach einer kurzen Murmelrunde ergeben sich bereits einige Ergebnisse seitens der Teilnehmenden: Halt geben, Akzeptanz, Verlässlichkeit, erfahren/geben/erhalten, mehr als ein Gefühl… Aber Gottesliebe? Treffen die gesammelten Begriffe auch darauf zu? Gottesliebe ist  erfahrbar. Ebenso erhalten wir von Gott völlige Akzeptanz. Jedoch wird auch schnell der Begriff ,,grenzenlos‘‘ in den Saal geworfen. Ja. Alle sind sich einig: Gottesliebe ist grenzenlos. Der Begriff Gottesliebe steht unter einem dialogischen Verständnis, so Herr Werner. Ist es Gottesliebe, die Liebe vom Menschen, zu Gott, oder aber Gottesliebe, die Liebe von Gott zu den Menschen. Herr Werner gibt jedem Teilnehmenden ein einfaches Papiermaßband. Kurze Irritation. Was hat er vor? Dann die Frage: ,,Wie sehr lieben Sie Gott? Reißen Sie den Rest bitte ab und legen Sie das Maßband vor sich auf den Boden‘‘. Na gut, liebe ich Gott nun 72,3 cm oder doch 85,8 cm? Diese Aufgabe ist gar nicht so einfach. Eine zweite Runde Papiermaßbänder wird verteilt. Dieses Mal mit dem Input: ,,Wie sehr fühlen Sie sich von Gott geliebt‘‘? Wieder soll der Rest, wenn denn einer vorhanden war, abgerissen werden. Die beiden Maßbänder liegen nun vor den Teilnehmenden auf dem Boden, sodass sie sie betrachten können. Ist eins der Bänder länger als das andere? Worin liegt der Unterschied? Warum gibt es einen Unterschied? Darüber macht sich jeder seine eigenen Gedanken. Wie üblich werden dann die verschiedenen Workshops des Abends vorgestellt.

Das Gleichnis vom barmherzigen Vater für die Sekundarstufe

Dieser Workshop wird von Herrn Riegger geführt. Er hat eine Unterrichtsstunde zum Ziel, die einen Zugang über Bilder ermöglichen soll. Mit dem Tageslichtprojektor projiziert er ein Bild an die Wand. Zu sehen ist ein junger Mann, der Sohn. Er sieht sehr verwahrlost aus und blickt zurück auf ein heruntergekommenes Haus. Herr Riegger vergrößert, um das Haus besser zu betrachten. Kurze Interpretation: „Es handelt sich um ein Bordell.“ Leises Gelächter seitens der Teilnehmenden. Genau das wollte Herr Riegger erreichen. ,,So haben Sie als Lehrkraft das Interesse der Schüler schon geweckt‘‘. Ein zweites Bild wird aufgelegt. Darauf bilden sich ein prunkvolles Haus und ein wohlgekleideter Vater ab. Der Sohn sieht abgemagert und verwahrlost aus. Die Haltung des Vaters ist zweideutig. Springt er vor Freude auf oder zuckt er erschrocken zusammen? Zwischen den beiden befindet sich eine Tür. Auch hier ist nicht zu erkennen, ob sie sich öffnet oder nicht. Auf jeden Fall besteht ein intensiver Blickkontakt zwischen Vater und Sohn.

Die Teilnehmenden bekommen dann die Aufgabe, selbst ein Bild zu malen, von ihrer Vorstellung, wie der Sohn zurück zum Vater kommt. Dies kann man entweder völlig selbstständig tun, oder mit einer kleinen Hilfe anhand eines Blattes, auf dem Vater und Sohn bereits gedruckt sind. Nach kurzer künstlerischer Überforderung gelingt es jeder/jedem eine Zeichnung zu Papier zu bringen. Die Ergebnisse werden dann in der Runde besprochen. ,,Was ging in Ihnen vor als sie gezeichnet haben?‘‘ Die Antworten sind einstimmig. Um die Gedanken bildlich festzuhalten war es nötig, sich in die Personen hineinzuversetzen. Man musste sich mit der Umgebung beschäftigen, wie diese wohl aussah und ganz wichtig auch: Farben wählen. Farben drücken Gefühle aus. Hoffnung, Zuversicht, Liebe. Herr Riegger erklärt den Teilnehmenden dann, worin der Unterschied und der ganz große Vorteil zur Textarbeit liegt. Die Schülerinnen und Schüler bringen durch kreative Arbeit eher ihre eigenen Erfahrungen mit ein. Biblische Geschichten sind so nicht nur trockener Text, sondern haben einen echten Bezug zum Lernenden. Im Anschluss zeigt Herr Riegger noch einige Schülerbilder. Die am Workshop Teilnehmenden staunen nicht schlecht, es sind wirklich richtig tolle Ergebnisse dabei. Wie viel man jedoch in diese hineininterpretieren sollte, davor warnt Herr Riegger. Sicherlich kann man einzelne Rückschlüsse auf das Leben der Schülerin/des Schülers ziehen. Aber damit sollte man stets vorsichtig sein.

Der barmherzige Vater/der verlorene Sohn

Die Teilnehmenden betreten das Klassenzimmer. In der Mitte liegt ein rundes, blaues Tuch. Außenherum ist ein Stuhlkreis aufgebaut, auf einem Stuhl stehen Erzählkarten von Don Bosco, die Staffelei für das Erzähltheater fehlt. Die Teilnehmenden nehmen einen Platz ein, auf dem sie gut auf das Erzähltheater sehen können. Dies ist ebenfalls wichtig im schulischen Kontext zu beachten. „Heute geht es um die Geschichte des barmherzigen Vaters bzw. verlorenen Sohns. In welchem Zusammenhang könnte diese Geschichte in der Schulpraxis behandelt werden?“, will Frau Monika Zanker von den Teilnehmenden wissen. Eine Teilnehmerin, die selbst schon aus der beruflichen Praxis kommt, berichtet, dass sich diese Erzählung besonders gut für die Beichtvorbereitung in der 3. Klasse eignet. Frau Zanker erzählt die Geschichte des barmherzigen Vaters unter Einbezug des Erzähltheaters frei. Für die schulische Praxis schlägt Frau Zanker vor, die Erzählung in drei Teile zu teilen und zu bearbeiten. Als Vorauslagerung sollten in den ersten beiden Unterrichtsstunden zuerst die Perspektive des jüngeren und danach des älteren  Sohnes betrachtet werden. In der dritten Unterrichtsstunde soll dann die Vaterfigur genauer beleuchtet werden. Dafür sucht Frau Zanker alle Bilder aus dem Erzähltheater, auf denen der Vater abgebildet ist heraus und verteilt diese an die Teilnehmer. Diese verteilen die Bilder kreisförmig auf dem blauen Tuch. Außerdem werden Eigenschaftskarten, die den Vater beschreiben in der Mitte verteilt.

Verlorener Sohn Mitte

Jeder Teilnehmer darf sich nun zwei Wörter aussuchen und sich überlegen: „Warum habe ich mich für dieses Kärtchen entschieden? Zu welchem Bild/Szene passt der Begriff?“. Zum Austausch treffen sich immer zwei Teilnehmer auf einer „Besprechungsinsel“ (= kleine Teppiche auf dem Boden). Nach einigen Minuten werden die Besprechungsinseln gewechselt und sich erneut mit dem neuen Partner ausgetauscht. Im Plenum werden die Eigenschaftskarten dann zu passenden Bildern gelegt und kommentiert. Vor allem der Begriff „gerecht“ sorgt für Gesprächsstoff in der Gruppe, höchstwahrscheinlich auch bei den Schülern. „Der Vater ist gerecht, ihm ist nichts zu wenig, um seinen Sohn willkommen zu heißen. Die Güte des Vaters ist Gerechtigkeit. Er versteckt seinen Sohn nicht“, kommentiert Frau Zanker. Weiter erzählt sie: „Diese Geschichte ist eine Gottgeschichte. Gott ist versteckt in einer Person dieser Geschichte. Kannst du dir vorstellen, welche Person es sein könnte?“ Die Teilnehmenden und in der schulischen Praxis die Schüler erkennen, dass Gott wie der Vater ist. Die Teilnehmenden nehmen erneut ihre Eigenschaftskarten auf, treffen sich auf den Besprechungsinseln und übertragen die Eigenschaften des Vaters auf Gott. Diese Übertagung ist für Schüler/-innen  in der 1./2.  Klasse noch zu schwer. Erneut entflammt der Konflikt über Gerechtigkeit. Frau Zanker erklärt: „Den Kindern kann gesagt werden, dass man manchmal Gottes Gerechtigkeit nicht verstehen kann!  Es ist wichtig diese Spannungen stehen zu lassen, in Diskussion zu kommen und sie nicht glattzubügeln.“ Abschließend ist es wichtig, dass die Schüler feststellen, dass jeder im richtigen Leben manchmal der jüngere und manchmal der ältere Sohn ist.

„Kreatives Arbeiten mit der Bibel“

Eine blühende Rose, eine brennende Kerze und ein kleines, zartes, grünes Pflänzchen schmücken die Mitte des Stuhlkreises. Was haben diese mit dem heutigen Thema „Gottesliebe“ zu tun? Der Workshop von Yvonne Paul startet mit einem Anspiel zweier Teilnehmerinnen. Diese diskutieren über den Zusammenhang von Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe. Den Zusammenhang von Selbst- und Nächstenliebe können wir leicht in Worte fassen: „Nur wenn ich mich selbst liebe kann ich auch andere lieben.“ Doch welchen Platz hat die Gottesliebe? Hier hilft die Bibelstelle Mk 12,28-34. Was kann man nun daraus erfahren? Es ist nicht ganz einfach, diese Bibelstelle zu erfassen. So können bereits vorformulierte Thesen, auch für Schüler, eine Hilfe darstellen und Exegese im Religionsunterricht erleichtern. „Dem Gebot der Gottesliebe wird das Gebot der Nächstenliebe zugeordnet. Nur durch die Liebe zu Gott ist die wahre Liebe zum Nächsten möglich.“ Also ermöglicht Gottesliebe Selbstliebe und Nächstenliebe. Nach der Diskussion weiterer Thesen richten die Teilnehmenden den Blick auf die schön gestaltete Mitte des Sitzkreises. Mit Symbolen kann ein weiterer Zugang zum Thema „Gottesliebe“ geschaffen werden. Eine blühende Rose, die sich aus einer zarten Knospe entwickelt hat, ein kleines, grünes Pflänzchen, das noch weiter wachsen kann und eine brennende Kerze zeigen verschiedene Ausprägungen der Gottesliebe. Was ist nun wichtiger? Gottesliebe? Nächstenliebe? In Kleingruppen  versuchen die Teilnehmenden dies symbolisch darzustellen. Wie kann so etwas Weites und Unfassbares wie Gottesliebe kreativ auf Papier gebracht werden? Es dauert einige Zeit, bis ein erster Entwurf gelingt.

Gottesliebe Mitte

Gottesliebe ist unendlich und aus ihr geht die Nächstenliebe hervor. Die Zahlen stehen für die zehn Gebote, die ganz im Sinne der Gottes- und Nächstenliebe formuliert sind. Auch die anderen Gruppen haben ihre Ideen zu Papier gebracht. Nach der Einladung die Bilder zu betrachten und einem stillen Rundgang finden sich die Anwesenden zum Schluss wieder im Stuhlkreis zusammen. In der Mitte sind nun Zettel mit Gebeten verteilt, die Schüler selbst geschrieben haben. Jeder darf sich ein Gebet für sich mitnehmen. Eines hinterlässt bei den Teilnehmern großen Eindruck: „Lieber Gott, begleite mich bitte auf meinem Weg zur Liebe – für dich, für mich und für meinen Nächsten. Ich danke dir dafür, dass auch du mich so annimmst, wie ich bin.“

„Theodizee in literarischen Werken“

Herr Werner begrüßt die Anwesenden mit der Frage, wie man denn in diese schwere Thematik überhaupt einsteigen kann. Für die Grundschule eignen sich gut Kinderbücher. Eines wird genauer betrachtet. In dem Buch „Ich geb dir noch eine Chance, Gott!“ von Gudrun Pausewang wird die 9-jährige Nina Zeugin eines Unfalls. Eine Katzenmutter stirbt noch auf der Straße, während der Unfallverursacher weiterfährt. Infolgedessen nimmt das Mädchen das Junge zu sich auf, muss von Zuhause weglaufen und macht auf dem Weg einige interessante Begegnungen mit Menschen, mit denen sie auch über Gott und das Leid ins Gespräch kommt. Damit ist schon die Grundfrage und das Grundproblem benannt: Theodizee als in Frage gestellte Gottesliebe. Die Geschichte ist an einigen Stellen sehr realitätsnah und brutal, was auch gut ist, so Herr Werner, denn: „Leid und Ungerechtigkeit kann man nicht auf bunten Kärtchen festhalten“.

Nach diesem Beispiel für den Bereich der Grundschule widmen sich die Teilnehmenden im weiteren Verlauf den weiterführenden Schulen. Dafür zeigt Herr Werner ein Foto, das ein eingestürztes Gebäude zeigt. Gemeinsam wird überlegt:  Was könnte passiert sein? Wer ist womöglich betroffen? „Was würdet ihr machen, wenn ihr verschüttet seid?“ Man würde wohl laut rufen, Klopfzeichen geben. Sich bemerkbar machen. Irgendwie. „Ich will die Hoffnung nicht verlieren, ich will ja selber noch merken, dass ich lebe.“, meint ein Student dazu. Aber auch die nach den Verschütteten Suchenden machen sich bemerkbar, sie wollen zeigen, dass sie da sind und Hoffnung geben. So gelingt eine Fokussierung auf den Begriff der Klopfzeichen. Welche Bedeutung haben diese denn z.B. für die Insassen eines Gefängnisses? Kennen SchülerInnen Klopfzeichen auch in ihrem Alltag? In Schullandheim oder Kinderzimmer? Im Anschluss daran eignet sich ein Text von Andreas Knapp hervorragend: „Klopfzeichen“. In allem Negativen, in aller Verzweiflung, in allem Nichtfinden, sucht ER uns. „Das kann entweder Gott sein oder jemand anderes, den du gerade brauchst!“ In all dem Schlechten ist Gott, dort ist er mit seinem beständigen Ja. „…ein schöner Zuspruch eigentlich.“ Das Aufkeimen der Theodizeefrage im Menschen als das Anklopfen Gottes. Darin sind sich alle einig.  Bevor die restlichen Teilnehmer des Seminars in den Raum stürmen, wird der allseits bekannte Text „Spuren im Sand“ gelesen. Auch und gerade in diesem Text wird das Wesentliche deutlich: Gott ist gerade auch im Leid, er lässt uns dort nicht allein.

Abschluss

Als sich alle wieder in dem großen Raum der Franz-von-Assisi-Schule versammelt haben, zeigt Herr Sailer nochmal den roten Faden der drei Abende des vergangenen Semesters auf. Bei der Gottesliebe handelt es sich immer um eine Liebe von und sogleich zu Gott. Von ersterer erzählt die Bibel im AT und NT eine Menge Geschichten, wie z.B. die des barmherzigen Vaters. Gott geht uns voraus nach Galiläa, nachdem sein Sohn von den Toten auferstanden ist, er ist ein zuvorkommender Gott. Die Liebe zu Gott wird vollzogen in Gottesdienst, Meditation etc. Aber auch im Mitmenschen (Stichwort: Nächstenliebe) erkennt man sie. Gemeinsam mit Herrn Sailer erinnern sich die Anwesenden an die zweite Veranstaltung, als sogar von Feindesliebe gesprochen wurde. Die bekannten Bibelzitate: „Was ihr dem Geringsten tut, das tut ihr mir.“ und das Doppelgebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Stichwort. Selbstliebe) sind noch sehr präsent in allen Köpfen. Frau Zanker legt für die drei Begriffe „Selbst-, Nächsten-, und Gottesliebe“ jeweils ein Herz auf den Boden.

Ende des Textes

Die Teilnehmenden hören einen Text eines Exerzitienmeisters und stellen sich wie zu Beginn des Abends die Frage: Wie sehr liebst du Gott? Der Text gibt hierzu eine eindeutige Antwort. „Jeder geht mit Gott so um wie mit seinen Mitmenschen. 20% kann man absolut zustimmen, glaubt man an alles. Zu 60% akzeptiert man und findet man in Ordnung, was man so hört. Und wieder zu 20% ist man absolut dagegen und kommt nicht damit zurecht.“ Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe gehört unzertrennlich zusammen. Nach allseitiger Zustimmung faltet Frau Zanker die drei Herzen zu einem einzigen zusammen. Mit den Worten „weil wir nur ein Herz haben.“ beschließt sie den Abend und damit auch das Sommersemester 2016 des ReliForums Augsburg. Das Lied „Hilf, dass unser Glaube in die Weite führt“ von Norbert Becker singend und der eindrücklichen Geste noch vor Augen verlassen die Teilnehmer an diesem lauen Sommerabend die Franz-von-Asissi-Schule ein letztes Mal.

Theresa Hiemer, Selina Müller, Lena Ambrosi, Verena Linder

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