27.04.2015 – KirchenRäume

Kirchenerkundung im Augsburger Dom

„Kirchen sind doch eh alle gleich. Man kann dort nichts hören, es stinkt nach Weihrauch und ich fühle mich von Jesus beobachtet“, behauptete ein Schüler von Frau Yvonne Paul, Seminarlehrerin an einer Augsburger Realschule. Viele Kinder und Jugendliche nehmen Kirche so wahr. Um ihren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit der Überprüfung ihrer Meinungen zu geben, wurde eine entdeckende Begegnung der Fünftklässlerinnen im Augsburger Dom organisiert. Diese Erfahrung sollen nun auch wir, die 50 Teilnehmenden am Reli-Forum Augsburg am 27.04.2015 machen.

Kirchenräume1

Zunächst treffen wir uns im Schulreferat der Diözese Augsburg. Hier führt uns Herr Constatin Wolff, Konrektor an einer Augsburger Grundschule, in das Thema „Kirchenräume erleben“ und in die Prinzipien der    Kirchenraumpädagogik ein. Danach machen wir uns gemeinsam auf den Weg zum Dom, um das erworbene Wissen anzuwenden und selbst auf Entdeckungsreise zu gehen. Beeindruckt stehen wir vor dem großen Portal und bewundern die 36 Sitzfiguren der Vorfahren Christi auf den Baldachinkonsolen sowie die bronzenen Löwenköpfe am Portal. „Der Dom setzt sich aus dem alten ottonischen Bau im Westen, den zwei Türmen und dem im Osten errichteten gotischen Chor zusammen. Die Löwenköpfe symbolisieren Macht und Stärke und sollen alles Böse draußen halten.“ So leitet Frau Hildegard Steuer, Domführerin in Augsburg, die Erkundung ein. Im Unterschied zur lauten Stadt erleben wir im mächtigen Domgewölbe eine beruhigende Stille. Geleitet vom Ton der Klangschale erkunden wir interessiert den Dom. Dabei konzentrieren wir uns bewusst auf unsere Sinneseindrücke. Der Geruch nach abgebranntem Kerzenwachs, das schummrige Licht durch die bunten Glasfenster und die kalten Steinwände versetzen uns in eine andächtige Stimmung. Weiter durchstreifen wir den sakralen Raum: hörend, riechend, tastend und sehend fällt uns auf, wie viel bewusster wir den Kirchenraum durch die Aktivierung all unserer Sinne, wahrnehmen. Das ist also mit dem Prinzip der Ganzheitlichkeit in der Kirchenraumpädagogik gemeint. Nachdem wir uns wieder zusammengefunden haben, erhalten wir einen Arbeitsauftrag: „Erkundet in Kleingruppen von mir vorbereitete Stationen anhand von Arbeitsblättern.“

Kirchenräume2

Am Marienaltar hält sich eine Gruppe auf. Ein Stück Pappe mit einem Loch vor dem Auge wirkt wie ein Fernglas. Einzelne Szenen kommen ins Blickfeld. In der Auswertung berichtet die Gruppe: „Anfangs waren wir sehr irritiert, denn auf diesem Marienaltar war Jesus nicht zu finden. Vielmehr war die „Geburt der Maria“ dargestellt. Das überraschte uns sehr.“

Im Westflügel staunt man erst einmal. Vierzehn mal sechs Meter groß ist die Wandmalerei des Christophorus, Schutzpatron der Reisenden. Nachdem wir die Größe des beeindruckenden Gemäldes mit Hilfe eines Meterstabes geschätzt haben, vertiefen wir uns in die Legende auf dem Arbeitsblatt. Eine Gruppe, welche die Krypta erkundet hat, erzählt in der Besprechung im Plenum beeindruckt: „Im Gewölbe kommt eine ganz besondere Stimmung auf. Geäußert wurden Gefühle wie Kälte, Ruhe oder Totenstimmung. Ein Ausschnitt der Legende des Bischofs Simpert findet sich auf einer Metallplatte im Boden der Krypta. Wir deuten diesen Legendenausschnitt und bringen Vermutungen dazu auf Papier. Die Aufgabe „Suche dir einen Platz im Raum. Du kannst deine Gedanken oder ein Gebet aufschreiben“ stimuliert eine individuelle und subjektive Art des Kryptawahrnehmens.

In einer weiteren Kleingruppe beschäftigt man sich mit den bunten Prophetenfenstern Das sind diese kleinen, bunten Fenster ganz weit oben auf der rechten Deckenseite. Sonnenstrahlen geben den Fenstern ihren wahren Glanz. Mit einem Fernglas suchen wir nach den Propheten und den Merkmalen, an denen sie zu erkennen sind.

Kirchenräume3

Eine spannende und selbstausgedachte Geschichte, wie die „Türkenfahne“ einmal in den Dom gekommen sein könnte, erzählt uns eine dritte Gruppe. Diese Gruppe hatte zuvor außerdem den Auftrag, bewusst die Gestaltung des Ortes und der Umgebung der Fahne zu analysieren, sowie die Fahne genauer unter die Lupe zu nehmen. „Die Fahne hängt in der Nähe des Altars. Sie ist rot mit goldener Schrift, das müssen arabische Schriftzeichen sein. Die Farben sind aber schon sehr verblasst, die Fahne muss also schon sehr alt sein“. In der anschließenden Besprechung stellt sich heraus, dass die Schriftzeichen Teile aus dem Koran sind. Ein Student wirft ein: „Und das in einer katholischen Kirche?“ Einige Teilnehmende kommen zu dem Konsens: „Wir finden es gut, dass diese Fahne dort hängt, es ist ein Zeichen von interreligiösem Dialog, aber sie kann auch zu Diskussionen führen.“

Spannende Aufgaben dieser Art lassen am eigenen Leib die Besonderheiten einer erlebten Kirchenraumpädagogik erfahren. Die ohnehin recht knapp bemessene Zeit vergeht wie im Flug, denn wir hätten gerne noch mehr Zeit in diesem imposanten, historischen Gebäude verbracht. Ganz im Sinne des Prinzips Das tun, was dort hingehört, stimmen wir abschließend noch den Kanon „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind…“ an und schließen damit die Erkundung ab. Durch den Besuch des Augsburger Doms spüren wir, wie wichtig persönliche und außerschulische Erfahrungen für Schüler sind, da so etwas im Klassenraum nicht umsetzbar ist. „Wenn man etwas live gesehen hat, kann man es sich besser vorstellen und merkt, dass es tolle Gebäude sind!“ So äußerte sich der Schüler, welcher eingangs erwähnt wurde, nach der Kirchenerkundung. Auch wir können diese Erkenntnis nur bestätigen.

Julia Spindler – Theresa Großmann – Brigitte Dempf – Tobias Mack

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