19.10.2015 – Grundgebete

„Lieber Gott, bitte kommen!“ Das kleine Mädchen Karo spricht mit Sorge in der Stimme in sein Funkgerät, seine Stimme hallt in der großen, menschenleeren Kirche. Und Stopp. Hier bricht Prof. Dr. Manfred Riegger, der an diesem Oktoberabend zum Reli-Forum Augsburg begrüßt, die Filmsequenz aus „Karo und der Liebe Gott“ ab. Was sind überhaupt Gebete? Welche Wirkung haben sie und was sind die Vorteile von Grundgebeten? Diesen Fragen gehen die zahlreichen Referendare, Religionslehrerinnen und -lehrer, Dozenten und Studierende zunächst zusammen und anschließend in fünf halbstündigen Workshops auf den Grund.

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„Hallo, Maria“ – wie Schüler Zugang zum „Ave Maria“ finden
Ein Workshop leitet Herr Dr. Joachim Sailer. Sein Thema ist das „Ave Maria“. Und die Teilnehmenden in den Schulbänken der Franz-von-Assisi-Schule müssen den Bibeltext erst einmal übersetzen: „Gegrüßet seist du, Maria“. Das könnte in unsere heutige Sprache übertragen einfach „Hallo“ heißen. Das ist auch die erste Aufgabe, die Herr Joachim Sailer seinen Schülern stellt. Anschließend sollen sie Symbole für die einzelnen Verse des Gebets auf ihr Arbeitsblatt zeichnen, dann das „Ave Maria“ in eine für sie selbst sinnvolle Reihenfolge bringen. „Denn da gibt es ganz viele Möglichkeiten“, erklärt Herr Joachim Sailer, was die Teilnehmenden beim eigenen Erproben schnell feststellen. Wenn die tatsächliche Reihenfolge geklärt ist, dürfen die Schülerinnen und Schüler kreativ werden: „Ave Maria“ als Mandala oder eine eigene Fürbitte schreiben.

Von Putin zum Magnifikat
Ein weiterer Workshop wird von Herr Michael Winklmann geleitet. Sein Thema ist das noch Vielen unbekannte „Magnifikat“. Dies zeigt sich auch daran, dass der Großteil der Teilnehmenden mit dem Gebet nichts anzufangen weiß. Doch das ändert sich schnell. Denn nun müssen die Teilnehmenden die einzelnen Unterrichtsphasen selbst erproben und kommen dem eigentlichen Magnifikat immer näher. Als Erstes zeigt Herr Michael Winklmann ein Bild von Putin. „Stürzt Putin 2015“ steht als Überschrift groß darüber. Die Reaktionen der Teilnehmenden ähneln denen der Schülerinnen und Schüler: Verwunderung und fragende Gesichter. Auch der nächste Schritt des Schreibgesprächs zu einem süßlichen Marienbild bringt noch keine Klarheit ins Dunkel. Nun werden auch die Teilnehmer kreativ und dürfen ihre ersten Gedanken, Gefühle und Fragen zu einzelnen Satzteilen des Magnifikats schreiben. Am Ende wird das Gebet als Ganzes vorgelesen und die Teilnehmer ergänzen es durch ihre gesammelten Assoziationen. So entsteht ein ganz neues Magnifikat – „eine gute Möglichkeit mit den Schülern eigene Gebete zu entwickeln“, bringt es Herr Michael Winklmann auf den Punkt.

Das Vater Unser und die Brotbitte für die Grundschule
Auch Herr Konstantin Wolf bringt im Workshop „Vater Unser für die Grundschule“ den Teilnehmenden eine von ihm erprobte Unterrichtseinheit näher. „Ich beginne immer mit dem ganzen Vater Unser, suche mir dann eine spezielle Thematik heraus und komme am Ende wieder auf das Ganze zurück“, so Herr Konstantin Wolf. Genau das erproben die Teilnehmenden unter der Thematik „Die Brot-Bitte“. Zuerst schreiben sie Assoziationen zu Bildern rund um das Thema Hunger, Lebensmittel und Verschwendung auf. Danach liest Herr Konstantin Wolf eine ergreifende Geschichte vor: Welchen Stellenwert hatte dieses Nahrungsmittel in früheren Zeiten? Nach kurzer Textanalyse bekommt jeder Teilnehmer ein Stück Brot: „Wie fühlt es sich an? Wie schmeckt es? Verändert sich der Geschmack?“, fragt Herr Konstantin Wolf. Es machen sich gespannte und forschende Blicke im Raum breit, die volle Konzentration ist auf den Geschmack gerichtet. „Mit meinen Kindern würde ich an dieser Stelle nun eine Ähre basteln, auf die sie schreiben können, was noch im Leben wichtig ist“, erklärt der Workshopleiter. Am Ende zeigt er, wie man das „Vater Unser“ kreativ gestalten kann: „Mit bunten Pastellkreiden würden die Kinder nun einzelne Teile des ‚Vater Unsers‘ malen – so hat man gleich eine schöne Dekoration fürs Klassenzimmer“, beendet er den Workshop, der viele Sinne angesprochen hat und zum Nachdenken anregte.

Ganz persönlicher Zugang zum Glaubensbekenntnis
„Ich darf das also einfach herausstreichen…?“, fragt eine Teilnehmerin verwundert. Doch genau darum soll es im Workshop von Herr Prof. Dr. Riegger gehen: einen persönlichen Zugang zum apostolischen Glaubensbekenntnis zu finden. Die Teilnehmenden haben den Text vor Augen, lesen Zeile für Zeile und hören in sich hinein: Was ist mir wichtig? Und was nicht? Passt das zu mir? Was verbinde ich damit? Anhand dieser Fragen ist nun jede/r gefordert, sein persönliches Glaubensbekenntnis zu gestalten. Es wird gemalt, geschrieben, gezeichnet und verziert. So entstehen kleine, bunte Kunstwerke, in deren Zentrum die Aussagen stehen, die für die Teilnehmenden das Zentrum des Glaubens darstellen. Und siehe da: Im anschließenden Gespräch zeigt sich, dass die persönlichen Gewichtungen gar nicht so weit auseinanderliegen – zumindest nicht so weit, wie die künstlerischen Fähigkeiten der gemischten Gruppe.

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Vater Unser in Slow Motion
Ein anderes Grundgebet steht im Zentrum des Workshops für die Sekundarstufe von Herr Matthias Werner von der Universität Augsburg: das „Vater Unser“, das meist ritualisiert „heruntergebetet“ wird. Doch genau dieser Problematik nimmt sich Herr Matthias Werner an und ermöglicht den Teilnehmern durch den Prozess der Verlangsamung eine Neubegegnung. Behutsam schreiten die Teilnehmenden im Kreis um die einzelnen Verse – lesen genau und nehmen den Text in seinen Einzelheiten auf. Als sie sich erneut um das „Vater Unser“ bewegen, entsteht eine fast schon andächtige Stille, die auch nicht durchbrochen wird, als die Teilnehmenden sich in Gruppen bei den Versen zusammenfinden, die für sie persönlich eine zentrale Bedeutung haben und anfangen, die für sie wichtigsten Begriffe zu markieren und in einem stillen Schreibgespräch Fragen zu stellen, zu kommentieren und weiterzuschreiben. Die Ruhe löst sich erst dann langsam auf, als sich die Teilnehmenden darüber austauschen – und schließlich in einer Gruppe eine lebhafte Diskussion über das „tägliche Brot“ entsteht. Dieser Austausch ermöglicht erst eine genaue Auseinandersetzung mit den Inhalten und ein tieferes Verständnis dessen, was eigentlich gebetet wird. Und so lösen sich die Diskussionsrunden auf und in einem nochmaligen Rundgang sind die Teilnehmer eingeladen, das „Vater Unser“ „verlangsamt“ mitzubeten.

Wieder zurück im Raum der Stille beendete Herr Dr. Joachim Sailer den Abend mit einer provokanten Frage an alle: „Darf man denn im Religionsunterricht überhaupt beten?“ So einfach die Frage scheint, die Antwort ist nicht eindeutig: In der wissenschaftlichen Religionspädagogik gibt es dazu unterschiedliche Stimmen – unter den Teilnehmenden des Reli-Forums auch.
Mona Förster, Stefan Janovsky, Yvonne Salvamoser

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