19.01.2015 – Leidenschaft

Leidenschaft
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„Durchdringt die Leidenschaft unser Leben nicht ganz und gar?“ Mit dieser Frage werden die über 50 Studierenden, Referendare und Lehrkräfte auf das heutige ReliForum in der Franz-von-Assisi-Schule von Herrn Dr. Joachim Sailer eingestimmt. Leidenschaft. Sie kommt in den unterschiedlichsten Lebensbereichen vor. Im Sport, in der Politik, im Fernsehen ist der „ leidenschaftliche Politiker“ zu sehen, der über die Energiewende debattiert, die große Leidenschaft des Nachbars von nebenan, der Briefmarken sammelt oder die Leidenschaft des Kletterns. Und seien wir einmal ehrlich, allzu oft werden auch wir selbst von unserer Leidenschaft mitgerissen.

„Lassen sie sich nun von einem Lied weiter ins Thema einführen.“ Im Raum erklingt: „What would you do with your smart mouth, drawing me in and you kicking me out…” Das bekannte Lied “All of Me” von John Legend.
Zu zweit tauschen sich die Teilnehmenden über die Frage aus, wie in diesem Lied Leidenschaft umschrieben wird. Leidenschaft als: „bedingungslose Liebe“ , „Anker“ , „völlig ergreifende Emotion“ und „Gefühl“.   „Um noch einen Schritt weiter zu kommen bitte ich Sie nun um ihre Assoziationen, die sie mit dem Thema Leidenschaft verbinden.“ Es fallen Begriffe wie „Verlangen“, „Begeisterung“, „Passion“, „Ekstase“ und „Enthusiasmus“, also durchweg positive Assoziationen. Sehr bald wird jedoch noch eine ganz andere Perspektive beleuchtet: „Leidenschaft ist Begierde und Rausch, ja für viele Menschen wird sie auch zur Sucht“, wirft ein Referendar in den Raum. Herr Dr. Sailer greift dies auf: „Sie sehen, der Begriff der Leidenschaft kann mit Positivem, aber auch Negativem verbunden sein. Im ursprünglichen Sinn schwingt etwas Zerstörerisches oder Leiden Schaffendes mit.“

„Aber ist Ihnen auch bewusst, dass Leidenschaft in der Philosophie ein großes Thema ist?“ Bereits in der Stoa ist die Rede davon, seine Leidenschaft nicht nur zu leben, sondern auch zu beherrschen. Eine der Kardinaltugenden ist ein gemäßigtes Leben. Und auch Descartes versucht in „Les Passions de l’âme“ die menschlichen Leidenschaften zu erörtern und wissenschaftlich zu beschreiben. Bei ihm gehören die Leidenschaften zur Körperlichkeit des Menschen und sollen durch vernunftgeleitetes Handeln überwunden werden. Entscheidend dabei ist der Wille des Menschen. Bei Kant ist die Leidenschaft eine anhaltende Emotionalität für eine Person, also Stimme des Körpers. Er sieht in ihr eine Gefahr.

Ein Arbeitsblatt mit Zitaten von R. Wagner, M. Luther und aus der Bibel wird den Seminarteilnehmern ausgeteilt. Sie erhalten die Gelegenheit, sich darüber auszutauschen. Hat die Leidenschaft auch einen religiösen Hintergrund? Im Buddhismus besagt die dritte Wahrheit, dass das Leiden aufhört, wenn die Menschen ihre Leidenschaften besiegen. Im Christentum sieht es anders aus. „Gott ist wie verzehrendes Feuer.“ „Er liebt die Menschen so leidenschaftlich, dass er selbst Mensch wird.“ Im Christentum spielt Leidenschaft, aber auch das Leid eine wesentliche Rolle. Dies wird auch in der Passion Christi deutlich (Joh 3,16).

Durch die sehr informative und anschauliche Einführung in die Begrifflichkeit starten die Teilnehmenden nun bestens vorbereitet in die verschiedenen Workshops. Bei Herrn Prof. Dr. Manfred Riegger geht es auch gleich munter zur Sache. Drei Studierende dürfen ein Kärtchen ziehen und sollen dann ihr Wort pantomimisch darstellen. Aber obwohl dreimal das gleiche Wort, nämlich Wut, auf dem Zettel steht, sind die Darstellungsweisen gänzlich verschieden. Nach diesem äußerst schwungvollen Einstieg wird die Tempelaktion Jesu thematisiert. Wir lesen den Bibeltext. „So und jetzt brauchen wir einen Regisseur, ein Kamerateam und viele Schauspieler“, meint Herr Prof. Dr. Manfred Riegger. Und schon sind wir wieder mittendrin im Geschehen. Unsere Aufgabe ist es die Tempelreinigung nachzustellen. Und keine Minute später befinden wir uns alle in einer anderen Zeit. Es erhebt sich ein ungeheurer Lärm. Es wird gefeilscht und gequatscht. Doch abrupt endet dieses Getöse als Jesus, gespielt von einem Referendar, verärgert und leidenschaftlich tobend, die Menge verscheucht. Wir schauen nun gespannt das eben Gespielte auf den Handys unseres Kamerateams an. Herrn Riegger bespricht noch mit uns, wie dies alles nun in der Schule anwendbar ist und dann ist die Zeit leider schon wieder vorüber.

Die Realschullehrerin Eva Kuhn leitet ihren Workshop mit der Frage „Kennen Sie Frida Kahlo?“ ein. Die Teilnehmenden besinnen sich auf ihr Grundwissen und starten eine angeregte Debatte über die schwedische Künstlerin. Eva Kuhn weißt uns darauf hin, dass man Frida Kahlo als Künstlerin „aus und mit Leiden – schaft“ bezeichnen kann.

Anhand dieser Äußerungen gehen die Teilnehmenden ihren Lebenslauf mit ihren persönlichen Schicksalen und Höhepunkten durch. Nun werden die Studierenden animiert, selbst aktiv zu werden. Anhand verschiedener Ausschnitte eines Bildes von Frida Kahlo soll erkannt werden, worum es sich auf dem Bild handelt und in welchen Dimensionen sich das Bild bewegt. Die Teilnehmer diskutieren eifrig und kommen zu dem Ergebnis, dass das Bild mit Frida Kahlos Leben verglichen werden kann. Und tatsächlich malte die Künstlerin mehrere Lebenssituationen, sodass ihr Leben immer auf Bildern zu sehen war. Bei einer weiteren Station des Workshops von Frau Kuhn dürfen die Studierenden zu einem Bild, auf welchem Mose im Korb zu sehen ist, einen passenden Rahmen gestalten. Hierbei ist die Verwunderung groß, als der tatsächliche Rahmen des Bildes gezeigt wird. Es sind nämlich verschiedene „Helden“ zu sehen. Eine erhitzte Debatte entflammt, als ein Teilnehmer Adolf Hitler erkennt. Eva Kuhn will uns anhand des Bildes mit dem Namen „Ein Held wird geboren“ sagen, dass jeder auf seine Weise ein Held war; in positiver sowie negativer Hinsicht. Mit diesen Sätzen werden die Teilnehmer wieder ins Plenum verabschiedet.

Nachdem wir uns wieder im Haus der Stille der Franz–von–Assisi–Schule versammelt haben, ermuntert uns Dr. Joachim Seiler nochmals das in den Workshops mitgenommene zu reflektieren. Hierbei entsteht ein weit ausgeprägtes Bild von Leidenschaft, welches den Teilnehmenden helfen soll, diesen Begriff besser wahrzunehmen und zu erkennen. Abschließend trägt Dr. Joachim Seiler die Gedichte „Elster“ von Tristan sowie das allseits bekannte „Willkommen und Abschied“ von Goethe vor. Hierbei soll auf die Leidenschaft, welche in den Gedichten zu finden ist, eingegangen werden. Den Teilnehmenden wird hier nochmals klar, dass Leidenschaft nicht nur positive, sondern auch negative Aspekte wie Sucht, Rausch oder Begierde beinhalten kann.
Zum Abschluss dieses rundum gelungenen Abends dürfen sich die Teilnehmenden noch Elfchen zum Thema Leidenschaft ausdenken. Und trotz des langen Tages flammt die Leidenschaft in den vorgetragenen Elfchen für einen kurzen Moment nochmals auf, bevor die Teilnehmenenden mit ermunternden Worten, sich weiterhin mit offenen Ohren dem Thema Leidenschaft zu öffnen, in den Abend verabschiedet werden.
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von Clemens Willner, Alexandra Rehle und Tobias Rudolph

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