30.06.2014 – Symbole

Unsichtbares sichtbar machen

Eine Deutschlandflagge, ein Cappy, ein Trikot und bemalte Gesichter. Es ist wieder Fußballweltmeisterschaft und heute Abend spielt die deutsche Mannschaft. Wir spielen heute. Wir identifizieren uns mit unserem Land und mit unseren Spielern, die auf dem Platz stehen. Und die Vorbereitung auf ein solches Spiel läuft bereits Stunden vor dem Spiel an. Wir kleiden uns entsprechend in den Landesfarben und stimmen erste Fangesänge an. Das Spiel wird vor dem heimischen Fernseher oder in der Augsburger Fußgängerzone regelrecht zelebriert. Wir tun dies oft ohne groß darüber nachzudenken, sondern einfach nur um Teil einer Gemeinschaft zu sein, Spaß zu haben. Und auch wenn wir nicht selbst auf dem Rasen stehen, fühlen wir uns oft so, als wären wir direkt vor Ort. Wie gelingt das?

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„Symbole geben Hinweise auf eine andere Wirklichkeit. Sie verbinden über Ort und Zeit hinweg.“ Bevor das deutsche Spiel beginnt, findet das dritte Mal in diesem Halbjahr das Augsburger Reli- Forum statt. Heute geht es um Symbole. Herr Prof. Dr. Manfred Riegger vom Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik der Universität Augsburg eröffnet die Veranstaltung mit einer Übersicht zu Symbolen und Zeichen. Auf einem über dem Boden ausgebreiteten Tuch verteilt er Handzettel, um nach und nach ein Schema zu erstellen, wie Symbole und             Zeichen erklärt werden können. „Es gibt keine einfache Definition für Symbole“, erklärt er. „Man kann sich ihnen über       ihre Merkmale nähern, die sie aber auch oft mit Zeichen gemeinsam haben. „Der wohl aber wichtigste Unterscheidungs-punkt ist der emotionale Sinn, den ein Symbol trägt.“ Auf die Frage von uns, ob denn dann nicht alles ein Symbol sein kann, antwortet er nicht direkt. Plötzlich hält Herr Riegger einen Zigarettenstummel in der Hand und erzählt uns die bewegende Geschichte von Leornardo Boff.

In aller Kürze: Leonardo Boff, ein brasilianischer Theologe, befindet sich gerade in München und erhält einen Brief aus der Heimat. Darin steht, dass sein Vater verstorben ist. Einen Tag später entdeckt er in dem Umschlag einen Zigarettenstummel, den Stummel der letzten Zigarette, die sein Vater vor seinem Tod noch geraucht hat. In seiner Erinnerung lässt der Stummel die Gestalt des Vaters gegenwärtig werden.

Boff meint, dass so auch Sakramente funktionieren sollten (weiteres unter: http://pange-lingua.blogspot.de/2010/02/das-sakrament-des-zigarettenstummels.html).

Emotionen werden durch Symbole lebendig und Symbole können alles sein, mit dem wir Erlebnisse und Erfahrungen verbinden, auch eine Zigarettenkippe.

Wie sonst auch immer während des Reli-Forums fällt es schwer, sich für nur zwei der vorbereiteten Workshops zu entscheiden, zum Glück kann man sich aber dann auch nur schwerlich falsch entscheiden.

Herr Dr. Johann Sailer leitet den Workshop zu symbolischer Sprache. Dabei befassen wir uns mit an die Hand gegebenen Texten, die sich um den Unterschied zwischen Logos und Mythos drehen, einen Grundtext, der Symbole für die Schüler besser begreifbar machen soll, ein Grundverständnis schafft. Im zweiten Schritt kommen wir zum literarischen Text „Was ist ein Symbol“ von Hubertus Halbfas. In diesem kurzen Text geht es darum, dass ein Tisch mehr als nur ein Tisch ist. Ein Tisch ist der Ort, an dem wir zusammenkommen, zusammen essen, zusammen spielen und zusammen sind. Ein Tisch ist nur oberflächlich ein Gebrauchsgegenstand. Auf der emotionalen und sinnlichen Ebene, auf der Ebene des Symbolischen, ist der Tisch viel mehr. Als Möglichkeiten diese Tiefe auch für die Schüler fassbar machen zu können, lädt uns Herr Sailer ein, Elfchen zu dem Text zu schreiben. Ein Elfchen ist ein Kurzgedicht, das aus fünf Zeilen besteht, auf denen sich insgesamt elf Wörter im Aufbau von 1-2-3-4-1 verteilen. Um es uns und den Schülern zu erleichtern, rät uns Herr Sailer, das Elfchen aus Wörtern aufzubauen, die nur im Text zu finden sind. Er selbst bietet uns auch ein Elfchen an:

Tisch

vier Beine.

Nur ein Möbelstück?

Ein Tisch ist mehr.

Gemeinsamkeit

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Im Raum nebenan ging es dabei um persönliche Heiligtümer. Wie können wir den Begriff heilig verstehen? Ein Wort,   das uns oft Schwierigkeiten bereitet und ähnlich schwer zu begreifen ist wie das Symbol. Herr Riegger hat dazu etwas mitgebracht, oder vielmehr haben wir selbst etwas mitgebracht. Er tritt aus dem Stuhlkreis und hebt einen großen Korb in die Mitte des Kreises. Das Besondere an dem Korb – er ist nicht zu sehen. Er ist unsichtbar, aber doch da. Wir   sind dazu eingeladen, in diesem Korb zu stöbern und nachzusehen, ob wir etwas finden, das uns gehört. Und tatsächlich! Jeder Anwesende findet einen sehr persönlichen, für ihn sehr wichtigen Gegenstand in dem Korb und nimmt ihn zu sich. Reihum beschreibt jeder seinen persönlichen Schatz. Egal ob ramponierter Teddybär, schmuddeliges Schmusekissen oder abgenutzte Spielzeugkiste, jedem hört man in der liebevollen Beschreibung an, wie wichtig jedem der eigene Gegenstand ist und wie plötzlich die Erinnerungen gegenwärtig werden. Und nicht nur einem selbst ergeht es so, sondern man spürt auch die Erinnerungen des Anderen, die wiederum eigene Erinnerungen hervorrufen. „Was hat sich verändert? Was haben Sie wahrgenommen?“ Wir erfahren, dass durch dieses Spielen mit ganz alltäglichen Gegenständen ein profaner Zugang zum Begriff des persönlich ‚Heiligen‘ geschaffen wird, womit auch Schüler, die sonst schwer Zugang zu religiösen Begriffen finden, plötzlich ein Verständnis entwickeln können. „Wenn man sich dieses Gefühl des Wichtig-Seins noch viel viel stärker vorstellt, dann kommt man dem Begriff des Heilig-Seins schon ganz nah. Damit können dann auch die Schüler etwas anfangen.“

Zwei Zimmer weiter unterhielten wir uns währenddessen mit Frau Yvonne Paul über Zahlen als Symbole. Zahlen als Symbole? Oder sind Zahlen ’nur‘ Zeichen? Wie oft haben wir den Ausspruch „das habe ich dir schon 1000 mal gesagt“ gehört oder von der 13 als Unglückszahl gesprochen?

„Zahlen, die in der Bibel vorkommen, haben meist symbolhaften Charakter.“ Dazu hat Frau Paul in der Mitte des Stuhlkreises verschiedene Zahlen, auf Papier gedruckt, ausgelegt. Jeder der Mitwirkenden soll eine Zahl auswählen, die für ihn persönlich eine besondere Bedeutung hat oder ihm besonders interessant vorkommt. Anschließend erzählen sich die Teilnehmer in vier-Augen-Gesprächen was sie mit der ausgewählten Zahl verbinden. Wir erfahren, welche Emotionen mit Zahlen verbunden werden können: mit ganz profanen Dingen, wie Geburtsdaten, Hausnummern oder der Trikot-Nummer im Sportverein, mit der wir Siege errungen haben oder auch Niederlagen erleiden mussten.

Am Ende erfahren wir die Bedeutung von acht ausgewählten Zahlen aus der Bibel: der EINS, DREI, VIER, FÜNF, SIEBEN, ZEHN, ZWÖLF, DREIZEHN und der VIERZIG.

Die Zehn Gebote sind zum Beispiel zehn, weil man zehn Finger hat und sich diese daher leichter merken kann. Wer hätte das gedacht? Das Religiöse wird somit mit dem Alltäglichen verbunden, verschmolzen.

Zum Abschluss lädt uns Frau Paul ein, unsere Zahlen mit Farben zu verbinden. Wir dürfen unsere persönliche Zahl farbig gestalten und mitnehmen. Hier entdecken wir, dass nüchterne Zahlen durchaus auch Emotionen in uns wecken können, uns somit zu Symbolen werden.

Die Veranstaltung endet mit einer Gesprächsrunde, in der jeder Teilnehmer noch einmal aufgreifen kann, was ihm besonders gefallen hat, oder wo noch Fragen offen geblieben sind. Im bald beginnenden Fußballspiel wird nun jeder auf besondere Symbole des Spiels achten und nun auch etwas besser verstehen, wieso wir uns als zwölfter Mann auf dem Platz fühlen. Durch unsere Trikots und Fahnen zeigen wir, wer wir sind, sind emotional beteiligt, zeigen unser Inneres und machen Unsichtbares sichtbar.

Reliforum – Symbole 30.06.2014 – Von Bettina Vierheilig und Maximilian Urie

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